Deutschland hat ihn ausgesetzt, Frankreich führt ihn auf freiwilliger Basis wieder ein, die Schweiz hatte immer einen: den Militärdienst, den hierzulande jeder Mann zu leisten hat. Kann oder will er nicht, leistet die Person Zivildienst, dient im Zivilschutz oder bezahlt eine Abgabe.
Die Frage, ob ein Land bereit ist, seine Kinder zu opfern, wie es der französische Generalstabschef Fabien Mandon kürzlich formulierte, ist angesichts der neuen Weltunordnung brandaktuell – und polarisiert.
Der Sozialist Ole Nymoen sagt: «Ich gehe nicht an die Front». Als Deutscher muss er auch nicht, denn es gibt keine Dienstpflicht. Nymoen ist Podcaster und Verfasser des Buches «Warum ich niemals mein Land verteidigen würde.» Damit sorgte er vor einigen Monaten für Wirbel in Deutschland.
«Natürlich würde ich mich verteidigen, wenn mich jemand angreift. Das würde ich auch im zivilen Alltag tun.» Aber sein Land verteidigen, das sei etwas ganz anderes, sagt Ole Nymoen. Da würden Soldaten gegeneinander kämpfen, denen es «zu Friedenszeiten garantiert keine Anstrengungen bereitet, gewaltfrei nebeneinanderher zu leben. Und dennoch werden sie gezwungen, sich gegenseitig zu töten.»
Sicherheit vs. Machterhalt
Katja Gentinetta würde sich heute freiwillig melden. Aber als sie jung war, wäre das kein Thema gewesen, weder in der Familie noch in der Schule, sagt die politische Philosophin und Publizistin.
Ein Staat ohne Sicherheit sei kein Staat, so Gentinetta, die 2024 den Bericht der Studienkommission Sicherheitspolitik für das VBS verfasste. «Spätestens seit der Annexion der Krim war mir klar, dass wir uns dieser Sicherheit wieder sehr entschlossen zuwenden müssen.»
Es gehe dem Staat nicht um die Sicherheit der Bürger, meint hingegen Nymoen, sondern um die Absicherung der Herrschaft. «Dass jemand anderes regiert, das soll das Unerträgliche sein.»
Hunderttausende von Opfern vs. Leben schützen
Würde Nymoen also lieber unter fremder Besatzung leben, als das Land zu verteidigen? «Als töten und tot zu sein? Ja, auf jeden Fall.» Aber diese Frage stelle sich gar nicht, denn als Soldat werde man ja nicht gefragt. Es geht dem jeweiligen Staat nur darum, den Krieg zu gewinnen. Dafür sei dieser bereit, Hunderttausende von Menschen zu opfern, so Nymoen weiter.
Das Gegenteil sei der Fall, sagt Sicherheitsexperte und Oberst der Schweizer Armee Georg Häsler: «Meine Pflicht als Offizier ist es, Leben zu schützen. Wir haben die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der Krieg gar nicht zu uns kommt. Eine entscheidende Fähigkeit dazu ist die Luftverteidigung.» Und die sei zurzeit unzureichend. Die Armee brauche mehr Geld und mehr Soldaten.
Und Soldatinnen, doppelt Gentinetta nach. Denkbar wäre zum Beispiel eine Dienstpflicht für alle, auch für Frauen. Norwegen, Schweden und ab 2027 auch Dänemark kennen sie. Und natürlich Israel.
Freiwilligkeit vs. Zwang
Eine Studie des VBS zeige, dass rund ein Viertel der befragten Schweizerinnen sich vorstellen könnte, Militärdienst zu leisten. Ole Nymoen lehnt das ab, so wie er den liberalen Rechtsstaat grundsätzlich ablehnt. Als Sozialist würde er eher den Sozialismus verteidigen. «Das wäre dann aber meine persönliche Entscheidung.» Leute zum Dienst zu zwingen – das fände er falsch.