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Bilder aus dem Bavonatal Ein Tal im Schatten des Winters

Wenn der Winter das Bavonatal stilllegt, bleiben nur wenige. Eine von ihnen hat die einsamen Monate fotografisch festgehalten.

Zwischen November und Ende März liegt das Bavonatal im Tessin im Winterschlaf – Restaurants und Herbergen bleiben geschlossen, das Postauto stellt den Betrieb ein. Weniger als zehn Menschen leben dann noch hier, darunter Silvana Rodriguez. Sie hat diese Einsamkeit festgehalten – in einem Fotoband namens «Valle Bavona in ombra».

Mit dem Postauto kehrt Leben zurück

Erster April, Haltestelle Sabbione: Silvana Rodriguez hockt mitten auf der Strasse, die Kamera in der Hand. Sie wartet auf das Postauto. Dann taucht es gelb leuchtend hinter der Kurve auf. Ein Klick, und das Bild ist im Kasten.

Person hockt auf Strasse vor Bus in Berglandschaft.
Legende: Silvana Rodriguez auf Postauto-Pirsch. Wenn sich das gelbe Gefährt wieder zeigt, kommt auch der Frühling. Iwan Santoro/SRF

Es ist das letzte Foto für ihr Album. Ein bewusst gesetzter Schlusspunkt. Denn mit der Rückkehr des Postautos beginnt im Bavonatal auch das Leben von Neuem: Erste Touristen treffen ein, Restaurants und Herbergen öffnen wieder. «Das ist immer eine Erleichterung – fast wie eine Vision, wenn man nach fünf Monaten wieder das Postauto sieht», so Rodriguez.

Ein paar Kilometer oberhalb von Sabbione lebt sie mit ihrer Familie im Weiler Sonlerto. Auf dem Laptop zeigt Rodriguez rund 200 Bilder, entstanden während der Wintermonate.

Von Farben zu Grau und Weiss

Die Serie beginnt mit leuchtenden Herbstfarben. Doch nach und nach verblassen sie. Die Bilder werden grau, später weiss – mit dem ersten Schnee. Menschen tauchen höchstens vereinzelt auf.

Lange hatte Rodriguez Mühe mit diesen düsteren Aufnahmen. Ursprünglich wollte sie nur die farbigen, lebendigen Seiten des Tals zeigen. Erst später erkannte sie: Die ganze Schönheit des Bavonatals zeigt sich nur im Zusammenspiel beider Welten – der farbigen und der stillen, grauen.

Buchhinweis

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Der Fotoband «Valle Bavona in ombra» erscheint ab Mitte Mai im Eigenpublikation.

Die Narben des Unwetters

Auch mit den Spuren der Verwüstung hatte Silvana lange Mühe. Denn die Spuren des Unwetters vom Sommer 2024 sind immer noch sichtbar. Die Gerölllawinen bei Fontana, die teils zerstörten Rustici. Zuerst wollte Silvana dies nicht fotografieren, weil es für sie nicht zum urtümlichen, unversehrten Tal passte. Bis sie feststellen musste, dass diese Narben dazugehören. Dass dies die Realität ist. Deshalb zeigen auch einige wenige Fotos diese Spuren des Unwetters.

Steiniger Bergpass mit Herbstlandschaft im Hintergrund.
Legende: Auch die Spuren des Unwetters gehören zur Realität im Bavonatal. Silvana Rodriguez

Aus dieser Erkenntnis entstand ihr Fotoband «Valle Bavona in ombra» (Bavonatal im Schatten). Der Titel ist wörtlich zu verstehen. «Das Tal liegt monatelang im Schatten. Die Sonne zeigt sich unten nur kurz. Es wirkt, als würde sich das Tal zurückziehen», sagt Rodriguez. Mit ihrem Buch möchte sie genau diese verborgene Seite sichtbar machen: das Dunkle, Ruhige, Abgewandte.

Die Kraft der Einsamkeit

Rodriguez lebt mit ihrem Partner und ihrer bald siebenjährigen Tochter bereits den sechsten Winter im Tal. Die Einsamkeit schätzt sie sehr. Die Entscheidung, hier ein Haus zu kaufen und ganzjährig zu leben, hat sie nie bereut. Im Gegenteil: Die Stadt empfindet sie als stressig.

Person mit roter Jacke im Garten, Steinofen im Hintergrund.
Legende: Silvana Rodriguez geniesst die Einsamkeit des Bavonatals. Iwan Santoro/SRF

Selbst der Weg ins nächstgelegene Dorf Cevio, rund 20 Autominuten entfernt, fällt ihr manchmal schwer. «Wenn ich einkaufen muss, stresst mich das schnell. Ich bin froh, wieder zurück im Tal zu sein», sagt sie. Nur ihrer Tochter zuliebe verlassen sie im Winter regelmässig das Tal, damit sie andere Kinder treffen kann. Auch Ferien macht die Familie vor allem ihretwegen.

Rodriguez selbst findet ihre Erholung direkt vor der Haustür: «Wenn ich Ferien brauche, gehe ich hinter das Haus.» Am Nachmittag hält das Postauto vor ihrem Haus. Zwei Wanderer steigen aus. Es ist ein leises, aber untrügliches Zeichen: Das Bavonatal ist erwacht.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 2.4.2026, 17:40 Uhr.

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