Helfen, aber richtig Billig statt biologisch essen – und das gesparte Geld spenden?

Effektive Altruisten sind gute Menschen – und scharfe Rechner. Denn sie wollen nicht nur helfen, sondern dies mit grösstmöglichem Nutzen tun. Untergräbt dies nicht den Hilfsgedanken? Keineswegs, meint der Philosoph Stefan Riedener.

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Die Welt verbessern, aber wie? Der philosophische Stammtisch

56 min, aus Sternstunde Philosophie vom 27.11.2016

SRF Kultur: Herr Riedener, wer die Welt besser machen will, der tut doch eigentlich etwas Gutes. Trotzdem werden Weltverbesserer oft belächelt. Weshalb?

Stefan Riedener: Weil man ihnen oft Naivität unterstellt, als könnte man nicht wirklich etwas zum Guten verändern. Tatsächlich können wir viel mehr tun, als wir meinen. Weltverbesserer verdienen einen besseren Ruf!

Das sagen auch die effektiven Altruisten. Ihr Ziel ist es, Gutes möglichst nutzbringend zu tun. Klingt vernünftig. Warum braucht es zur Verbreitung dieser Idee eine Bewegung?

Die Bewegung wendet diesen Gedanken viel konsequenter an, als das normalerweise getan wird. Wir geben uns oft einfach damit zufrieden, hier und da ein bisschen zu helfen. Wir fragen nicht, wie hilfreich es tatsächlich war oder ob wir etwas viel Besseres hätten tun können.

Unterstützt jemand beispielsweise einen lokalen Verein, der Blindenhunde ausbildet, tut er etwas Gutes. Aber in westlichen Ländern kostet die Ausbildung eines Blindenhundes ungefähr 50'000 Dollar. Mit diesem Geld könnten wir in Entwicklungsländern bis zu 500 Menschen vor dem Erblinden bewahren. Das wäre also noch viel besser.

Empathie muss sich also rechnen?

In gewisser Weise, ja. Wenn wir mit manchen Hilfsaktionen hundertmal mehr Menschenleben retten können, lohnt es sich, vorher darüber nachzudenken, wofür wir uns engagieren wollen.

«  800 Millionen Menschen leiden an Unterernährung, und wir gehören zu den reichsten Menschen der Welt. »

Die Köpfe der Bewegung «Effektiver Altruismus» sind die Philosophen Peter Singer, Toby Orb und William MacAskill. Mit MacAskill haben Sie in Oxford studiert. Er hat das Buch «Gutes besser tun» geschrieben und stellt sein Leben ganz in den Dienst des effektiven Altruismus. Kann man mit ihm noch ein Bier trinken gehen?

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Zur Person

Stefan Riedener im Porträt

zVg

Stefan Riedener hat in Zürich Philosophie studiert und in Oxford promoviert. Er forscht und lehrt am Ethik-Zentrum der Universität Zürich und ist Mitglied von www.givingwhatwecan.org .

Selbstverständlich! Effektive Altruisten sind nicht rund um die Uhr damit beschäftigt, die Welt zu verbessern. Ich glaube, der Kerngedanke ist zunächst einmal einfach der, dass wir – wenn wir uns für andere einsetzen wollen – das möglichst reflektiert tun sollen.

Dazu gehört aber für viele effektive Altruisten auch, möglichst viel Gutes zu tun. Statt Bier zu trinken, könnte man Prospekte einer NGO verteilen.

Die Maximierungsidee der Hilfe gehört nicht zwingend zum effektiven Altruismus dazu. Ich selber bin nicht sicher, ob ich so weit gehen würde. Aber im Moment leiden etwa 800 Millionen Menschen an Unterernährung, und wir gehören zu den reichsten Menschen der Welt. Ich glaube auf jeden Fall, dass wir gewisse Hilfspflichten haben.

William MacAskill hat auch die Organisation «Giving What We Can» gegründet, bei der Sie Mitglied sind. Mitglieder geben ein Versprechen ab, bis ans Lebensende mindestens zehn Prozent des eigenen Einkommens zu spenden. Reut Sie das Geld nie?

Nein. Zum einen schränkt mich diese Abgabe nicht merklich ein. Ich habe alles, was ich brauche. Zum anderen gibt es mir ein gutes Gefühl, etwas mehr Verantwortung zu übernehmen.

Geld spenden ist Symptombekämpfung. Statt zu spenden, sollten wir doch besser politisch aktiv werden, gegen Steueroasen oder für einen gerechten Welthandel eintreten. Gemäss eines neuen Berichts der Uno fliesst doppelt soviel Geld aus Afrika heraus wie offiziell als Entwicklungshilfe geschickt wird.

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Die Weltverbesserer

SRF DOK begleitet in der fünfteiligen Serie «Die Weltverbesserer» vier Menschen, die sich aus Eigeninitative dafür einsetzen, dass die Welt ein besserer Ort wird. Ab 25.11.16 auf SRF 1.

Erstens: Symptombekämpfung an sich ist nicht falsch. Oder finden Sie es überzeugend, wenn man Ihnen Schmerzmittel verweigert, weil das reine Symptombekämpfung ist?

Zweitens: Ich glaube, Spenden am richtigen Ort helfen sehr wohl. Aber falls es tatsächlich so sein sollte, dass Spenden nichts helfen oder weniger effektiv sind als ein bestimmtes politisches Engagement, sind die effektiven Altruisten die ersten, die umschwenken.

Das gefällt mir ja gerade an dieser Bewegung: Sie ist nicht stur, sondern ergebnisoffen. Ihr Kerngedanke ist ja nicht das Spenden, sondern Gutes effektiv zu tun. Und zu Effektivität gehört natürlich auch Nachhaltigkeit.

«  Fairtrade-Produkte kommen oft nicht aus den ärmsten Ländern, weil die Produzenten sich dort die Einhaltung der Standards nicht leisten können. »

Systemkritik interessiert die effektiven Altruisten aber nicht. William MacAskill empfiehlt, Billigprodukte anstelle von Fairtrade- oder Bioprodukten zu kaufen und das gesparte Geld zu spenden, wenn dies effizienter ist. Hat das nicht etwas von Doppelmoral? Man interessiert sich nicht dafür, dass Kleinbauern auf Plantagen zu Hungerlöhnen schuften, gibt sich aber grosszügig mit dem gespendeten Geld?

Es stimmt nicht, dass Systemkritik die effektiven Altruisten nicht interessiert. Viele effektive Altruisten engagieren sich politisch. Aber auch wenn die Idee hinter Fairtrade-Produkten gut sein mag, müssen wir schauen, wie viel deren Kauf wirklich bringt. Das ist unter effektiven Altruisten umstritten. Aber es gibt Studien, wonach zum Beispiel lokale Kaffeebauern vom Kauf von Fairtrade-Kaffee gar nicht so viel profitieren.

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Buchhinweise

Peter Singer: Effektiver Altruismus. Eine Anleitung zum ethischen Leben, Suhrkamp 2016.

William MacAskill: Gutes besser tun. Wie wir mit effektivem Altruismus die Welt verändern können, Ullstein 2016.

Fairtrade-Produkte kommen oft nicht aus den ärmsten Ländern, weil die Produzenten sich dort die Einhaltung der Standards nicht leisten können. MacAskill argumentiert, dass wir also effektiver helfen, wenn wir billigeren Kaffee kaufen und das restliche Geld dort einsetzen, wo es mehr bewirkt.

Also heiligt der Zweck die Mittel: Ich unterstütze unfairen Handel, weil ich dadurch unter dem Strich mehr Gutes tun kann?

Ob der Zweck immer die Mittel heiligt, weiss ich nicht. Aber ich glaube, er tut es manchmal. Und wir müssen uns bewusst sein, dass man durch effektives Engagement unter Umständen Hunderte von Menschenleben retten kann.

Das Gespräch führte Barbara Bleisch.

Sendung: Der philosophische Stammtisch, SRF 1, 27.11.16, 11:00 Uhr

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