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Der Preis der Freiheit Wie eine reiche Erbin zur «Wahnsinnigen» gemacht wurde

Sie war die Erbin eines der mächtigsten Männer der Schweiz. Als Lydia Welti-Escher ihre Ehe für eine neue Liebe aufgab, reagierte ihr Mann mit voller Härte. Stefan Jungs Film «Lydia – Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus» rekonstruiert eine Tragödie, in der die Psychiatrie zur Waffe wurde.

«Ich fühle mich gut und mitnichten geisteskrank. Im Gegenteil: Ich bereue nicht im Geringsten, was ich getan habe. Weil ich glaube, in völliger Freiheit tun zu können, was mir richtig erscheint.» Lydia Welti-Escher sagt diese Sätze 1890 den Ärzten in einer psychiatrischen Anstalt in Rom. Es ist das Manifest einer Frau, die den ehelichen Gehorsam verweigert hat und deswegen am allertiefsten fallen wird.

Das Erbe des «Bundesbarons»

Lydias Lebensweg scheint früh vorbestimmt. Als Tochter des «Eisenbahnkönigs» Alfred Escher wächst sie wohlhabend in der Zürcher Villa «Belvoir» auf, ist hochgebildet, spricht mehrere Sprachen und ist musisch begabt. Doch hinter der glänzenden Fassade klaffen Abgründe: Die jüngere Schwester stirbt einjährig, kurz darauf die Mutter. Lydia rückt eng an die Seite des Vaters.

Zwei Personen im Garten vor einem grossen alten Haus.
Legende: Lydia Escher als Kind vor der «Villa Belvoir» (um 1860). Sie wuchs in dem herrschaftlichen Anwesen auf, in dem ihr Vater, der Staatsmann, Eisenbahnpionier und Mitbegründer der Schweizerischen Kreditanstalt Alfred Escher, fast sein ganzes Leben verbrachte. Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich

Historikerin Caroline Arni erkennt in der Familiengeschichte die Wurzeln ihrer späteren Isolation: «Der frühe Verlust der Mutter, und auch das Wissen, dass eine Schwester hätte da sein können, waren sicher grosse Leerstellen in ihrem Leben.» Auf Rat des Vaters heiratet sie 1883 Friedrich Emil Welti, den Sohn des gleichnamigen Bundesrates. Es ist eine pragmatische Ehe – keine leidenschaftliche.

Als das Paar 1889 nach Italien zieht, bricht das Korsett auf. In Florenz begegnet Lydia dem Maler Karl Stauffer. Sie entscheidet sich für die radikale Ehrlichkeit und verlässt ihren Mann für den Künstler. Lydia ist sich der Konsequenzen bewusst: Ehebruch ist ein Scheidungsgrund.

Liebe als Systemfehler

«Sie weiss, dass das ihr Leben auf den Kopf stellen wird», bemerkt Caroline Arni im Film. Tatsächlich reagiert die Familie Welti auf diesen Akt der Autonomie mit der Vernichtung ihrer Glaubwürdigkeit.

Porträt einer sitzenden Frau in weissem Kleid mit Sonnenschirm.
Legende: Lydia Welti-Escher (1858–1891) zählte zu den wohlhabendsten Frauen der Schweiz des 19. Jahrhunderts. Ölbildnis von Karl Stauffer-Bern aus dem Jahr 1886. Wikimedia Commons

Die Antwort des Ehemanns erfolgt mit bürokratischer Präzision. Unter Einbezug seines Vaters, des Bundesrates Emil Welti, und mithilfe des Schweizer Botschafters in Rom wird eine Intrige gesponnen: Man lässt Lydia für wahnsinnig erklären. Ein Arzt wird entsandt, um sie schliesslich in die Psychiatrie zu bringen – eine staatlich orchestrierte Intrige zur Beseitigung einer unbequemen Frau.

Um den Skandal juristisch abzusichern, wird Stauffer polizeilich verfolgt. Die Anklage ist perfide: Er soll eine Geisteskranke vergewaltigt haben – ein Argument, das nur funktioniert, weil man Lydia zuvor die Willensfähigkeit abgesprochen hat.

Das Ende des Schweigens

Stauffer nimmt sich später das Leben. Lydia bleibt gebrochen zurück. Sie gründet eine Stiftung für Frauen, die später in Gottfried-Keller-Stiftung umgetauft wird und schliesslich Männern hilft. 1891 wählt auch Lydia den Freitod.

Gottfried-Keller-Stiftung

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Gottfried Keller war ein Freund der Familie Escher und oft in der Villa Belvoir zu Gast. Die Stiftung hiess eigentlich Welti-Escher-Stiftung, weil sie von Lydia gegründet wurde. Nach ihrem Tod wurde sie in Gottfried-Keller-Stiftung unbenannt.

Caroline Arni bilanziert: «In diesem Fall wurde die Psychiatrie zum Instrument, um eine Frau unschädlich zu machen, die die Spielregeln ihrer Klasse verletzt hatte.»

Stefan Jungs Film ist die fällige Aufarbeitung einer Erzählung, die Lydia lange Zeit nur als «wahnsinnige Erbin» deklassierte. Am Ende bleibt das Bild einer Frau, die lieber unterging, als sich einer Lüge zu beugen. Sie tat, was ihr richtig erschien – und bezahlte den höchsten Preis für ihre Freiheit.

Transparenzhinweis

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Der Schweizer Film «Lydia – Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus» von Stefan Jung ist eine SRF-Koproduktion. Zu sehen im Stream auf Play SRF.

SRF 1, Sternstunde Kunst, 25.5.2026, 12:00 Uhr

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