«Ich fühle mich gut und mitnichten geisteskrank. Im Gegenteil: Ich bereue nicht im Geringsten, was ich getan habe. Weil ich glaube, in völliger Freiheit tun zu können, was mir richtig erscheint.» Lydia Welti-Escher sagt diese Sätze 1890 den Ärzten in einer psychiatrischen Anstalt in Rom. Es ist das Manifest einer Frau, die den ehelichen Gehorsam verweigert hat und deswegen am allertiefsten fallen wird.
Das Erbe des «Bundesbarons»
Lydias Lebensweg scheint früh vorbestimmt. Als Tochter des «Eisenbahnkönigs» Alfred Escher wächst sie wohlhabend in der Zürcher Villa «Belvoir» auf, ist hochgebildet, spricht mehrere Sprachen und ist musisch begabt. Doch hinter der glänzenden Fassade klaffen Abgründe: Die jüngere Schwester stirbt einjährig, kurz darauf die Mutter. Lydia rückt eng an die Seite des Vaters.
Historikerin Caroline Arni erkennt in der Familiengeschichte die Wurzeln ihrer späteren Isolation: «Der frühe Verlust der Mutter, und auch das Wissen, dass eine Schwester hätte da sein können, waren sicher grosse Leerstellen in ihrem Leben.» Auf Rat des Vaters heiratet sie 1883 Friedrich Emil Welti, den Sohn des gleichnamigen Bundesrates. Es ist eine pragmatische Ehe – keine leidenschaftliche.
Als das Paar 1889 nach Italien zieht, bricht das Korsett auf. In Florenz begegnet Lydia dem Maler Karl Stauffer. Sie entscheidet sich für die radikale Ehrlichkeit und verlässt ihren Mann für den Künstler. Lydia ist sich der Konsequenzen bewusst: Ehebruch ist ein Scheidungsgrund.
Liebe als Systemfehler
«Sie weiss, dass das ihr Leben auf den Kopf stellen wird», bemerkt Caroline Arni im Film. Tatsächlich reagiert die Familie Welti auf diesen Akt der Autonomie mit der Vernichtung ihrer Glaubwürdigkeit.
Die Antwort des Ehemanns erfolgt mit bürokratischer Präzision. Unter Einbezug seines Vaters, des Bundesrates Emil Welti, und mithilfe des Schweizer Botschafters in Rom wird eine Intrige gesponnen: Man lässt Lydia für wahnsinnig erklären. Ein Arzt wird entsandt, um sie schliesslich in die Psychiatrie zu bringen – eine staatlich orchestrierte Intrige zur Beseitigung einer unbequemen Frau.
Um den Skandal juristisch abzusichern, wird Stauffer polizeilich verfolgt. Die Anklage ist perfide: Er soll eine Geisteskranke vergewaltigt haben – ein Argument, das nur funktioniert, weil man Lydia zuvor die Willensfähigkeit abgesprochen hat.
Das Ende des Schweigens
Stauffer nimmt sich später das Leben. Lydia bleibt gebrochen zurück. Sie gründet eine Stiftung für Frauen, die später in Gottfried-Keller-Stiftung umgetauft wird und schliesslich Männern hilft. 1891 wählt auch Lydia den Freitod.
Caroline Arni bilanziert: «In diesem Fall wurde die Psychiatrie zum Instrument, um eine Frau unschädlich zu machen, die die Spielregeln ihrer Klasse verletzt hatte.»
Stefan Jungs Film ist die fällige Aufarbeitung einer Erzählung, die Lydia lange Zeit nur als «wahnsinnige Erbin» deklassierte. Am Ende bleibt das Bild einer Frau, die lieber unterging, als sich einer Lüge zu beugen. Sie tat, was ihr richtig erschien – und bezahlte den höchsten Preis für ihre Freiheit.