«Der überflüssige Mensch» – eine humanistische Streitschrift

Produziert Überfluss überflüssige Menschen? Der deutsche Autor Ilija Trojanow analysiert in seinem Essay «Der überflüssige Mensch» die Folgen des globalisierten Kapitalismus. Er zeigt dabei auf, wie Menschenrechte und Menschenwürde auf der Strecke bleiben.

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Bildlegende: Ilija Trojanow hat eine Streitschrift verfasst, die nicht empören will. Keystone

«Sind Sie überflüssig?» Mit dieser Frage beginnt Ilija Trojanow sein schmales Buch. Der in Wien lebende Autor liefert die Antwort, die wir erwarten: «Natürlich nicht. Ihre Kinder? Nein, keineswegs. Ihre Verwandten, Ihre Freunde?» Ilija Trojanow stellt unverschämte Fragen, denn er will uns zeigen, dass sich keiner überflüssig fühlt – höchstens an ganz schlechten Tagen.

Aber trotzdem, so der Autor, gelten viele Menschen aus Sicht der Ökonomen und global agierenden Eliten als überflüssig. Wer wenig oder nichts verdient, konsumiert wenig bis nichts und «existiert gemäss den herrschenden volkswirtschaftlichen Bilanzen nicht.»

Weder Herz noch Verstand

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Buchhinweise

  • Ilija Trojanow: «Der überflüssige Mensch». Residenz Verlag, 2013.
  • Ilija Trojanow und Christian Muhrbeck: «Wo Orpheus begraben liegt». Carl Hanser Verlag, 2013.

Griffig und glasklar legt Ilija Trojanow dar, dass der globale Finanzkapitalismus die Welt geteilt hat: in ein paar hundert Superreiche und Abermillionen Menschen, die in höchst prekären Verhältnissen leben. «Die zehn erfolgreichsten Hedgefonds-Manager rafften im Jahr 2012 10,1 Milliarden Dollar zusammen – mit diesem Geld könnte man 250'000 Grundschullehrer oder 196'000 Krankenschwestern einstellen. Wen das nicht schockiert, hat weder Herz noch Verstand.»

Das Wirtschaftssystem mache manche Menschen zu Müll. «Irgendwann weiss man nicht, wohin damit», schreibt Ilija Trojanow. Diese Müllmenschen sind die kleinen Subsistenzbauern in Afrika, die Roma in Bulgarien. Das sind aber auch die Menschen, deren ökologischer Fussabdruck um ein x-Faches kleiner ist als der der Superreichen.

Die freiheitliche Gesellschaft ist gefährdet

Dem 48-jährigen Autor sind Vermögenskonzentrationen ein Dorn im Auge. Er erinnert daran, dass diese Konzentrationen unweigerlich zu oligarchischen Verhältnissen führen, in denen nur die einen freien Zugang hätten zu Einfluss, Luxus und Bildung. Das materielle Glücksversprechen erfüllt sich nicht für alle.

«Wir haben vergessen, dass Vermögenskonzentrationen freiheitliche Gesellschaften gefährdet», sagt Trojanow. Er stellt fest, dass die Politik heute strategisch nicht die Armut, sondern vielmehr die Armen bekämpfe. Und das führe dazu, dass sich das System mit einer rigiden Überwachung wappnet. Empörende Zustände also.

Empörung beruhigt nur das Gewissen

Von Empörung hält Ilija Trojanow allerdings gar nichts. Empörung beruhige nur das Gewissen. «Widerstand muss man als kreative Aufgabe betrachten», findet er. Er plädiert für Empathie und die kleinen, konkreten Schritte und dafür, Unruhe zu bewahren.

Ilija Trojanow weiss, wovon er spricht. Seit Jahren bereist er sein Herkunftsland Bulgarien. Dort hat er diese «überflüssigen» Menschen getroffen: Roma, die auf Müllhalden vom Müll leben, ökonomisch gestrauchelte Handwerker, Fischer und Bauern, die zum Warten verdammt sind und die der globalisierte Kapitalismus zu Randständigen gemacht hat.

Seine Reisen und die Begegnungen mit diesen Menschen hat Trojanow im Buch «Wo Orpheus begraben liegt» zu literarischen Reiseberichten verarbeitet. Die Schwarzweiss-Bilder des Berliner Fotografen Christian Muhrbeck sorgen für eine atmosphärische Begleitung.

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