Fall Volkswagen: Warum die Moral so rasch mausetot ist

2013 zeigt ein drastisches Experiment an der Universität Bonn, wie schnell Menschen bereit sind, ihre moralischen Werte für ein paar Euro über Bord zu werfen. Sagt das etwas über die Ursachen des VW-Skandals aus? Wir meinen: ja.

Eine Maus klettert auf einer Hand in grünen Handschuhen herum. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wer Mäuse tötet, macht sich auch beim Autobau die Hände schmutzig? Eine Studie lässt den Kurzschluss zu. Keystone

Was hat der Tod einer Maus mit dem Volkswagen-Abgasskandal zu tun? Gar nichts, werden Sie sagen. Wen kratzt das schon, wenn eine Maus stirbt? Wenn aber einer der grössten Automobilkonzerne der Welt Millionen von Kunden betrügt, die Umwelt schädigt und mit hoher krimineller Energie High-Tech-Systeme für einen Grossbetrug entwickelt, dann …

Markt und Moral

Ja, was dann? Verliert man dann den Glauben, an das Gute im Menschen? Dass der freie Markt sich selbst regulieren kann? Dass auch grosse Konzerne sich ethischen Grundsätzen unterwerfen – und nicht nur dem grossen Profit?

Märkte untergraben die Moral. Oder einfacher gesagt: Geld verdirbt den Charakter. Das mag vielleicht keine vollkommen neue Einsicht sein, dennoch liefert ein drastisches Experiment Zahlen, die nachdenklich stimmen. Und möglicherweise Ansätze liefern, um die Strukturen zu verstehen, die einen scheinbar umweltbewussten Konzern wie die Volkswagen AG zum Grossbetrüger werden liess.

Das Experiment

2013 konfrontierten die beiden Wissenschaftler Nora Szech und Armin Falk im Labor für Experimentelle Wirtschaftsforschung der Uni Bonn 1000 Personen mit der Frage: «Was ist ihnen mehr wert: 10 Euro oder das Leben einer Maus?» Die Probanden wussten, dass es sich um reale, vollkommen gesunde Labormäuse handelte, die in der Forschung nicht mehr gebraucht wurden. Sie sollten – falls die Entscheidung gegen sie fallen würde – vergast werden. Ein Video zeigte, wie die Mäuse sterben würden.

«Uns war es wichtig, dass die Entscheidung drastisch und irreversibel ist. Ich kann mich nicht um entscheiden. Wer beschliesst, dass die Maus sterben soll, hat auch beschlossen, dass die Maus tot ist. Man kann sie nicht wieder zum Leben erwecken», erläutert Nora Szech.

Zuerst entschieden die Testpersonen alleine. 46% wollten die 10 Euro und liessen die Maus sterben. Danach sollten die moralischen Werte der Probanden in einer Marktsituation getestet werden. Zu zweit oder in einer grösseren Gruppe nahmen sie die Rollen von Käufern und Verkäufern ein. Sie konnten nun um das Leben der Maus feilschen, Angebote abgeben, sich zusammentun, den Preis hochpokern oder drücken, das Geld untereinander aufteilen. Kurz: handeln wie auf einem Markt. Und siehe da: 72% nahmen den Tod der Maus in Kauf – für Geld.

Mehr Profit, weniger Skrupel

In der Marktsituation waren weit mehr Personen bereit, ihre moralischen Werte über Bord zu werfen. Nora Szech interpretiert diese Verhaltensänderung so: «Es ging plötzlich mehr darum, einen Gewinn zu machen. Und vielleicht auch mehr Gewinn zu machen als die anderen. Diese Logik können wir sicherlich in vielen realen Situationen von wirtschaftlicher Konkurrenz sehen. Man möchte sich gegen den anderen behaupten, sich durchsetzen, möchte Profit machen. Diese Logik spielt eine ganz grosse Rolle».

Profit, Konkurrenz: zentrale Begriffe der Marktwirtschaft. Ausserdem spiele die Gruppensituation eine grosse Rolle. «In grossen Märkten glauben viele, dass die eigene Entscheidung sowieso keinen relevanten Unterschied macht», führt Nora Szech aus. Es komme zu einer Diffusion der Verantwortung. Je mehr Personen beteiligt sind, umso mehr kann die Verantwortung aufgeteilt werden, bis sie sich verflüchtigt.

Schuld und Schweigen

Und was hat das alles mit Volkswagen zu tun? Sehr viel, wenn wir den Skandal wie folgt interpretieren: Die Konzernleitung gibt ethisch hochtrabende Ziele aus: Bis 2018 soll der VW-Konzern Marktführer in Sachen Nachhaltigkeit und Umweltschutz sein. Diese Ziele erzeugen grossen Druck für die betroffenen Mitarbeiter.

Denn es geht, auch persönlich, um viel Geld, um Gewinne und Prämien. Man beginnt, an den Zielen zu arbeiten. Nicht alleine, sondern in sich konkurrierenden Abteilungen. Doch die Ziele sind nicht erreichbar, also beginnt man nach Wegen zu suchen, zu tricksen, zu bescheissen. Viele, sehr viele Mitarbeiter teilen ihr Wissen um die Betrügereien. Doch wirklich verantwortlich fühlt sich niemand. Denn man ist ja nicht alleine schuld.

So einfach wird aus der Volkswagen AG eine kriminelle Vereinigung.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 11.11.2015 22:25

    Kulturplatz
    Der grosse Beschiss

    11.11.2015 22:25

    FIFA, VW, Banken, Dating-Portale: Überall wird dreist beschissen, als wären Lüge und Täuschung legitim. Hauptsache Profit und Image stimmen. Wo bleibt die unternehmerische Ethik? «Kulturplatz» spricht mit Ex-FIFA-Mann Guido Tognoni über die tieferen Ursachen für das Bescheissen im grossen Stil.