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Markus Häfliger im Gespräch Vom Investigativ-Journalisten zum Lobbyisten für die Heilsarmee

Er galt als einer der ganz Grossen im Schweizer Journalismus: Als Bundeshausjournalist deckte Markus Häfliger nationale Skandale auf – zuletzt den «Unterschriften-Bschiss» bei Volksinitiativen. Dann wechselte er als Lobbyist zur Heilsarmee, einem der wichtigsten Sozialwerke der Schweiz. Wie der Wechsel gelang, welche überraschenden Realitäten er in seiner neuen Rolle entdeckt hat und ob der schlechte Ruf von Freikirchen ein Problem für das Sozialwerk ist.

Markus Häfliger

Lobbyist und ehemaliger Korrespondent

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Markus Häfliger war über Jahrzehnte als Bundeshauskorrespondent tätig, für «NZZ» und «Tages-Anzeiger». Er recherchierte zu hochrangigen Fällen wie der Kasachstan-Affäre, der Libyen-Affäre und einem Unterschriften-Betrug bei Volksinitiativen. 2015 wurde er zum «Journalist des Jahres» gekürt.

2024 übernahm Häfliger die Funktion «Verantwortlicher Public Affairs» (Lobbyist) bei der Heilsarmee Schweiz. In dieser Rolle vertritt er die Heilsarmee gegenüber Politik und Öffentlichkeit.

SRF: Nach knapp 30 Jahren im Journalismus wurden Sie zum Lobbyisten. Wie kam das?

Markus Häfliger: Ich habe festgestellt, es gibt ein Leben nach dem Journalismus. Als Journalist war ich Beobachter, habe versucht, die politische Realität im Bundeshaus zu beschreiben. Damit die Bürgerinnen und Bürger wissen, wie sie regiert werden, von wem und wie gut.

Ich besuchte eine Notunterkunft. Das hat mir die Augen geöffnet.

Jetzt bin ich Interessensvertreter der Heilsarmee. Ich bin der Lobbyist der Menschen, um die sich die Heilsarmee kümmert. Ihre Interessen vertrete ich gegenüber der Öffentlichkeit, damit Staat und Politik darauf reagieren können.

Was haben Sie über die sozialen Realitäten in der Schweiz gelernt?

In Bern besuchte ich das Passantenheim, eine Notunterkunft. Ich dachte, ich treffe die typischen Obdachlosen. Aber die Mehrheit der Menschen dort steht am Morgen auf und geht zur Arbeit. Sie haben vielleicht eine Scheidung hinter sich und der Lohn reicht nicht für zwei Mieten. Das hat mir die Augen geöffnet.

Sie waren Jahrzehnte lang Politjournalist und haben sich damit beschäftigt, was in diesem Land passiert. Trotzdem sind Sie von gewissen Realitäten überrascht. Ist das typisch für die durchschnittliche Wahrnehmung der Schweiz über die Schweiz?

Ich glaube schon. Gewisse Leute werden nun sagen: «Willkommen in der Realität, das wussten wir schon lange!» Ich war im Bundeshaus tätig, habe mich mit Politik auseinandergesetzt, und obwohl ich mich bemüht habe, rauszugehen, dorthin, wo die Gesetze ankommen, habe ich solche Realitäten nicht gekannt. Gut, ich habe auch nicht unbedingt zu Sozialpolitik recherchiert.

Person im Innenraum eines Parlaments mit Holzbänken und Gewölbedecke.
Legende: Markus Häfliger in seiner Rolle als Bundeshausjournalist: Während der Sommersession 2024 berichtet er ein letztes Mal aus dem Nationalratssaal. Markus Häfliger

Die Heilsarmee ist auch eine evangelikale Freikirche. Freikirchen haben häufig einen schlechten Ruf. Ist das ein Problem für Sie als Lobbyist?

Zum Teil ja. Aber ich glaube, dass hier viele Missverständnisse kursieren. Bei uns muss niemand ein Glaubensbekenntnis ablegen. Bei uns arbeiten Atheisten, Agnostikerinnen, Muslime. Und es ist einfach eine Realität, dass viele soziale Werke aus einer christlichen Motivation heraus gegründet wurden.

Hélder Câmara, brasilianischer Erzbischof, sagte mal: «Wenn ich den Armen Essen gebe, nennen sie mich einen Heiligen. Wenn ich frage, warum die Armen kein Essen haben, nennen sie mich einen Kommunisten.» Inwiefern versteht sich die Heilsarmee als politische Akteurin?

Die Heilsarmee hat sich bis jetzt in der Schweiz damit begnügt, praktische Hilfe zu leisten. Ich sehe in dieser Organisation Potenzial, politisch den Stimmlosen eine Stimme zu geben. Die schwierigere Frage ist jedoch, wann und ob sich die Heilsarmee zu einer konkreten Abstimmungsvorlage äussern soll.

Wo strukturelle Missstände bestehen, sollten Kirchen diese auch benennen.

Hélder Câmara bringt diese Gratwanderung auf den Punkt. Meines Erachtens sollten Kirchen sich nicht darauf beschränken, jene aufzupäppeln, die im kapitalistischen System herausfallen. Wo strukturelle Missstände bestehen, sollten Kirchen diese auch benennen. Aber die politische Stellungnahme ist nicht Hauptaufgabe. Kirchen vereinen Menschen aus dem gesamten politischen Spektrum. Hier ist eine sorgfältige Abwägung nötig.

Das Gespräch führte Anna Jungen.

Radio SRF 2 Kultur, Perspektiven, 11. Januar 2026, 8:30 Uhr ; 

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