«Der Handschlag gehört zur Integration» lautete eine Schlagzeile, «Es ist inakzeptabel, den Händedruck zu verweigern», eine weitere. Wenige Tage, nachdem in der «Arena» öffentlich wurde, dass zwei muslimische Schüler in Therwil BL ihren Lehrerinnen die Hand nicht geben wollten, diskutierte die ganze Schweiz über den Fall. Sogar die britische BBC berichtete.
Die Handschlagaffäre Therwil wurde zur Debatte um Schweizer Werte, Integration und die Grenzen der Toleranz.
Warum der Aufschrei?
«Vor 10 Jahren herrschte ein toxisches Klima», analysiert Ahmed Ajil, Radikalisierungsexperte und Forschungsmitarbeiter am Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Luzern. In Syrien und im Irak herrschte der IS. Islamistische Terroristen verübten Anschläge in Frankreich (Charlie Hebdo) und Brüssel. Zudem prägte der fundamentalistische Islamische Zentralrat die Debatte um Muslime in der Schweiz. Letzterer bot auch der syrischen Familie der Handschlagverweigerer Hilfe an.
Anhand des Handschlags liess sich zudem trefflich streiten über Schweizer Werte und mangelnde Gleichberechtigung im Islam. Von linker bis rechter Seite gabs Kritik an den Schülern und der Schule. Integration wurde eingefordert, vor einer Parallelgesellschaft gewarnt.
Auch die Schweizer Muslime diskutierten kontrovers. Denn: «Ob ein Muslim eine mit ihm nicht verwandte Muslimin berühren darf und umgekehrt – das ist innermuslimische umstritten», sagt Amira Hafner-Al Jabaji, Islamwissenschaftlerin und Publizistin. Im Vordergrund stünden dabei eher kulturelle Einflüsse als theologische Grundsätze.
Verweigerung als Provokation?
Fest steht: Die grosse Mehrheit der Schweizer Muslime hat kein Problem damit, dem anderen Geschlecht die Hand zu geben. Aber: «Muslimische Jugendliche sind sich bewusst, dass sie eine Debatte auslösen können, wenn sie das andere Geschlecht nicht berühren wollen», sagt Amira Hafner.
Den Handschlag zu verweigern, kann also auch eine bewusste Provokation sein, eine Protesthaltung. Oder aber Ausdruck einer sehr traditionellen Auslegung des Islams, die auf eine strikte Trennung der Geschlechter pocht. Und deshalb hierzulande Konsternation auslöst.
Heute herrscht ein differenzierteres Bild
Könnte sich die Handschlagaffäre zehn Jahre später wiederholen? Jein. Dank der Abklärungen vor zehn Jahren wissen Schulen, dass sie den Handschlag einfordern können. Dennoch ist die Verunsicherung noch immer gross, wenn die Schulen sich mit religiösen Kontroversen und Fragestellungen konfrontiert sehen. Mehr Fokus auf Religion in der Lehrerausbildung könnte hier helfen, sagt Religionswissenschaftler Philipp Hetmanczyk, der zu Therwil geforscht hat.
Ahmed Ajil und Amira Hafner-Al Jabaji beobachten ihrerseits, dass das Bild der Muslime sich verändert hat, differenzierter wird. «Wir sehen mehr junge Muslime, die hier aufgewachsen sind und ganz verschiedene Identitäten und Lebensentwürfe haben», sagt Ajil. Der schwule Muslim, die atheistische Muslimin, die Feministin mit Kopftuch.
Amira Hafner ergänzt: «Die Innermuslimische Vielfalt und innermuslimische Kontroversen werden heute besser abgebildet.» Und das verändere auch die Diskussion um die Zugehörigkeit muslimischer Menschen in der Schweiz – zum Besseren, wie beide meinen.