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Muslime in der Schweiz 10 Jahre Handschlagaffäre Therwil: Was hat sich verändert?

Vor zehn Jahren weigerten sich zwei muslimische Brüder, ihren Lehrerinnen die Hand zu geben. Daraus entstand eine nationale Debatte über Werte und Integration, über die Schweiz und den Islam. Wo stehen wir heute?

«Der Handschlag gehört zur Integration» lautete eine Schlagzeile, «Es ist inakzeptabel, den Händedruck zu verweigern», eine weitere. Wenige Tage, nachdem in der «Arena» öffentlich wurde, dass zwei muslimische Schüler in Therwil BL ihren Lehrerinnen die Hand nicht geben wollten, diskutierte die ganze Schweiz über den Fall. Sogar die britische BBC berichtete.

Die Handschlagaffäre Therwil wurde zur Debatte um Schweizer Werte, Integration und die Grenzen der Toleranz.

Eine kurze Chronologie

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Herbst 2015: Die muslimischen Brüder, 14- und 15-jährig, weigern sich, ihren Lehrerinnen die Hand zu geben. Die Schule beschliesst, dies zu akzeptieren, die Schüler aber zu verpflichten, andere Zeichen des Respekts zu zeigen.

April 2016: Der Fall Therwil wird in der SRF-Sendung Arena «Angst vor dem Islam» thematisiert und löst daraufhin national Schlagzeilen aus.

25.5.2016: Der Bildungsrat des Kantons Baselland erklärt den Handschlag nach rechtlichen Abklärungen für obligatorisch.

Juni 2016: Die Familie erhebt Beschwerde gegen den Entscheid der Schule, den Handschlag nun einzufordern und zieht diese Beschwerde bis vor das Kantonsgericht. Dieses entscheidet im Oktober 2017, auf die Beschwerde nicht einzutreten, weil der Jugendliche unterdessen die Schule abgeschlossen hat. Damit fehlt ein inhaltliches Urteil zur Pflicht, die Hand zu geben.

April 2018: Das Baselbieter Kantonsparlament berät über eine Verfassungsänderung, die verlangt, die Erfüllung «bürgerlicher Pflichten» zwingend einzufordern.

Mai 2018: Statt der Verfassungsänderung stimmt das Kantonsparlament einer Anpassung im Bildungsgesetz zu. Sie verpflichtet die Schulen, Probleme bei der Integration der Ausländerbehörde zu melden.

Warum der Aufschrei?

«Vor 10 Jahren herrschte ein toxisches Klima», analysiert Ahmed Ajil, Radikalisierungsexperte und Forschungsmitarbeiter am Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Luzern. In Syrien und im Irak herrschte der IS. Islamistische Terroristen verübten Anschläge in Frankreich (Charlie Hebdo) und Brüssel. Zudem prägte der fundamentalistische Islamische Zentralrat die Debatte um Muslime in der Schweiz. Letzterer bot auch der syrischen Familie der Handschlagverweigerer Hilfe an.

Anhand des Handschlags liess sich zudem trefflich streiten über Schweizer Werte und mangelnde Gleichberechtigung im Islam. Von linker bis rechter Seite gabs Kritik an den Schülern und der Schule. Integration wurde eingefordert, vor einer Parallelgesellschaft gewarnt.

Auch die Schweizer Muslime diskutierten kontrovers. Denn: «Ob ein Muslim eine mit ihm nicht verwandte Muslimin berühren darf und umgekehrt – das ist innermuslimische umstritten», sagt Amira Hafner-Al Jabaji, Islamwissenschaftlerin und Publizistin. Im Vordergrund stünden dabei eher kulturelle Einflüsse als theologische Grundsätze.

Verweigerung als Provokation?

Fest steht: Die grosse Mehrheit der Schweizer Muslime hat kein Problem damit, dem anderen Geschlecht die Hand zu geben. Aber: «Muslimische Jugendliche sind sich bewusst, dass sie eine Debatte auslösen können, wenn sie das andere Geschlecht nicht berühren wollen», sagt Amira Hafner.

Den Handschlag zu verweigern, kann also auch eine bewusste Provokation sein, eine Protesthaltung. Oder aber Ausdruck einer sehr traditionellen Auslegung des Islams, die auf eine strikte Trennung der Geschlechter pocht. Und deshalb hierzulande Konsternation auslöst.

Heute herrscht ein differenzierteres Bild

Könnte sich die Handschlagaffäre zehn Jahre später wiederholen? Jein. Dank der Abklärungen vor zehn Jahren wissen Schulen, dass sie den Handschlag einfordern können. Dennoch ist die Verunsicherung noch immer gross, wenn die Schulen sich mit religiösen Kontroversen und Fragestellungen konfrontiert sehen. Mehr Fokus auf Religion in der Lehrerausbildung könnte hier helfen, sagt Religionswissenschaftler Philipp Hetmanczyk, der zu Therwil geforscht hat.

Ahmed Ajil und Amira Hafner-Al Jabaji beobachten ihrerseits, dass das Bild der Muslime sich verändert hat, differenzierter wird. «Wir sehen mehr junge Muslime, die hier aufgewachsen sind und ganz verschiedene Identitäten und Lebensentwürfe haben», sagt Ajil. Der schwule Muslim, die atheistische Muslimin, die Feministin mit Kopftuch.

Amira Hafner ergänzt: «Die Innermuslimische Vielfalt und innermuslimische Kontroversen werden heute besser abgebildet.» Und das verändere auch die Diskussion um die Zugehörigkeit muslimischer Menschen in der Schweiz – zum Besseren, wie beide meinen.

Radio SRF1, 26.5.2025, 16:10 Uhr

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