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Neuer Fotoband Als der Punk im beschaulichen Bern Einzug hielt

Ein Fotoband zeigt: In Bern herrscht zwischen 1977 und 1982 Aufbruchstimmung und Experimentierfreude. Art-Punks beschallten Team-Rooms mit Punkmusik – und schockten die Bevölkerung.

Er habe schwarze Secondhand-Klamotten getragen, neonorange Socken und eine schmale Lederkrawatte in der gleichen Farbe. Seine Haare seien halb Orange und halb Schwarz gefärbt gewesen, erzählt Francis Foss Pauchard. Als er in dieser Aufmachung irgendwann Ende der 1970er-Jahre den Mattelift in Bern betrat, habe ihn eine ältere Frau mit grossen Augen angeschaut und gefragt: «Werum machet dir das?!»

Diese Episode verdeutlicht, welche Welten in Bern aufeinanderprallten, als Pauchard und seine Gesinnungsgenossen den Punk entdeckten. Der heute 74-Jährige gehörte damals zu den Schlüsselfiguren einer neu entstehenden Subkultur.

«Mit den Hippies aufräumen»

Zusammen mit Guy Froidevaux eröffnete Pauchard 1977 den Kleiderladen Olmo. Hier wurde alles verkauft, was die aufmüpfige Jugend begehrte und dem Rest der Berner Bevölkerung grosse Augen bescherte. Für die Eröffnungssause hatte Pauchard mit grossen Lettern «Plastik statt Jute» ans Fenster gepinselt, weil er mit den Hippies habe aufräumen wollen, sagt er und lacht.

Eine Gruppe von Menschen steht vor einem Gebäude mit Graffiti am Schaufenster.
Legende: Plastik statt Jute: Die Eröffnung des Olmo 1977. Jürg Hafen

Ebenfalls Teil der Szene war Jürg Hafen, der das Geschehen mit seiner Kamera festhielt. Nun ist ein Teil seiner Bilder im Fotoband «Is This Love or Just a Feeling» erschienen. Die Aufnahmen lassen einen in die Zeit eintauchen, als die Musik von Iggy Pop, Patti Smith und den Ramones Bern erreichte.

Ein abgedruckter Flyer zeigt: Im Tea-Room Flamingo an der Herrengasse gab es am Samstagnachmittag jeweils eine Punkdisco. «Die Betreiber wussten nicht, worauf sie sich da eingelassen hatten und dass man diese Musik laut hören muss», sagt Pauchard. Entsprechend sei der Anlass bald wieder aus dem Programm gestrichen worden.

Hafens Bilder fangen die Freude am Experimentieren ein, die damals an den Hotspots der Kreativen und Aufmüpfigen – Olmo, Spex Club und Quick – geherrscht haben muss. Rebellion liegt in der Luft, aber auch Anmut und jugendliche Unschuld.

Dabei wurde mit allerlei Looks und Accessoires experimentiert: Leder, Neonfarben, Selbstgeschneidertem, Ketten, Netzstrümpfen, Armeestiefeln und Ansteckblüten. Sie seien nicht Punks gewesen, präzisiert Francis Foss Pauchard, sondern «Art-Punks», denn Kunst habe immer eine zentrale Rolle gespielt.

Szene-Prominenz und ein blutjunger Stephan Eicher

Die Kunst fand zum einen in der Form von Jürg Hafens Kunstgalerie «AK» statt, in der er selbst auch mal als «Art Fascist» ausstellte. Zum anderen veranstalteten Pauchard und Hafen Konzerte. Dort stand im Publikum auch ein blutjunger Stephan Eicher, aus Zürich schaute Szenen-Prominenz in Form von Dieter Meier und Kleenex (später Liliput) vorbei.

Zwei Männer stehen auf einer Wiese mit Bäumen im Hintergrund.
Legende: Jürg Hafen (links) und Stephan Eicher in jungen Jahren. Jürg Hafen

Mit «Starter» gründeten Pauchard, Hafen und Eicher eine der ersten Synthie-Pop-Bands der Schweiz. Stephan Eicher sei allerdings ausgestiegen, bevor sie den ersten Song veröffentlicht hätten, sagt Pauchard. Er wollte lieber solo auftreten. «Ich hab’ damals nicht gedacht, dass das gut rauskommt, weil für mich klang Eicher wie ein ‹abverheiter› Bob Dylan. Heute vergöttere ich seine Stimme!»

Der Titel «Ist es Liebe oder doch nur ein Gefühl?» passt perfekt zum Fotoband. Hafens Bilder erlauben eine Zeitreise in die Jahre 1977 bis 1982 und halten gleichzeitig das flüchtige Gefühl von Entdeckungsfreude und Aufbruch fest. Es sind Bilder, die eine andere Seite Berns zeigen – eine Seite, die man so nicht erwartet hätte in der braven Beamtenhauptstadt.

Buchhinweis

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«Is This Love or Just a Feeling (Jürg Hafen: Photos 1977 – 1982)» wurde von Reto Caduff und Sam Mumenthaler herausgegeben und ist im Sturm&Drang-Verlag erschienen.

Radio SRF1, Regionaljournal Bern, 25.6.2026, 17:30 Uhr.

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