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Präventionsmassnahme Seelsorge in der katholischen Kirche: Neuerdings mit Eignungstest

Darum geht's: Wer in der Schweiz künftig Seelsorgerin oder Priester in der römisch-katholische Kirche werden will, muss ein vierstufiges psychologisches Assessment durchlaufen – verbindlich, aufwendig und in einzelnen Fällen mit Konsequenzen. Denn die diözesanen Verantwortlichen haben sich laut Medienmitteilung in Einzelfällen bereits gegen eine weitere Zusammenarbeit mit Kandidatinnen oder Kandidaten entschieden. 2025 lief eine Pilotphase an, jetzt soll das Verfahren definitiv implementiert werden.

Warum wurde das Assessment eingeführt? Auslöser war die 2023 veröffentlichte Pilotstudie zu sexualisierter Gewalt im Umfeld der römisch-katholischen Kirche seit den 1950er‑Jahren. Die Schweizer Bischofskonferenz und weitere kirchliche Organisationen reagierten mit Massnahmen – darunter diese Eignungsprüfung als Teil der Prävention.

Wie funktioniert das neue Verfahren? Das Assessment umfasst drei fachliche Abklärungen: eine testpsychologische Untersuchung, ein kompetenzbasiertes Interview und ein forensisch‑klinisches Gespräch. Externe Spezialistinnen und Spezialisten erstellen dazu jeweils Berichte. Darauf folgt ein viertes Element: ein Eignungsgespräch mit den kirchlichen Ausbildungsverantwortlichen.

So läuft das Assessment

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Um zu prüfen, ob jemand für die Seelsorge geeignet ist, durchlaufen alle Kandidatinnen und Kandidaten vier Schritte:

  1. Online-Befragung
    Sie bildet die erste psychologische Einschätzung. Abgeklärt werden grundlegende Faktoren wie Empathiefähigkeit, mögliche narzisstische Tendenzen oder der Umgang mit der eigenen Sexualität – Themen, die selbst ausserhalb kirchlicher Kontexte nicht einfach anzusprechen sind.
  2. Kompetenzbasiertes Interview
    Hier geht es um Fragen, wie jemand mit Belastung, Stress oder Enttäuschungen umgeht. Die Fachpersonen klären, wo bereits tragfähige Kompetenzen vorhanden sind – und wo Entwicklung nötig wäre.
  3. Forensisch‑klinisches Interview
    Dieser Schritt dient dazu, mögliche Persönlichkeitsstörungen oder Risikokonstellationen zu erkennen. Geführt wird das Gespräch von externen Fachleuten aus der forensischen Psychologie.
  4. Eignungsgespräch
    Zum Schluss beurteilen die kirchlichen Ausbildungsverantwortlichen die Gesamtsituation. Auf Grundlage aller Berichte entscheiden sie, ob der gemeinsame Weg weitergeht – oder eben nicht.

Warum ist das Verfahren eher untypisch? «Es ist bemerkenswert, dass ein Assessment für die Seelsorge mit Unterstützung externer Fachpersonen eingeführt wurde», sagt SRF‑Religionsredaktorin Léa Burger. Ungewöhnlich sei vor allem die enge Zusammenarbeit mit forensischen Psychologinnen und Psychologen – die wiederum eng mit den Justizbehörden zusammenarbeiten. Insgesamt liefert das Assessment einen Beitrag zur Prävention und professionalisiert weiter die Personal-Rekrutierung bei einer der kirchlichen Hauptaufgaben: der Seelsorge.

Was ergab die Pilotphase? 2025 wurden 72 Personen getestet. Das Assessment sei professionell und sinnvoll, aber auch intensiv und anstrengend. Genau so sei es gedacht, sagt die Kirche. Es dauert insgesamt fast einen ganzen Tag und kostet rund 5000 Franken pro Assessment. In der Pilotphase wurden vor allem Personen geprüft, die kurz vor oder kurz nach dem Berufseinstieg standen. Künftig solle das Assessment jedoch noch früher in der Laufbahn etabliert werden, damit die Präventionsmassnahme so schnell wie möglich greift.

Zwei Personen halten einander die Hände.
Legende: Die Seelsorge gehört zum Kerngeschäft der römisch-katholischen Kirche. Getty/Kobus Louw

Gibt es Informationen zu den Ablehnungsgründen? Auf Nachfrage von SRF stellt sich heraus, dass es sich bei den Ablehnungen um maximal ein bis zwei Handvoll Fälle handelt. Nähere Angaben, etwa zu den Gründen, haben die Verantwortlichen nicht gemacht. Es habe aber sowohl an fehlenden Kompetenzen als auch an auffälligen Persönlichkeitsmerkmalen gelegen. Die Befürchtung, dass aufgrund des vorherrschenden Personalmangels alle Kandidierenden durchgewunken werden, bestätigt sich also nicht.

Reicht das Assessment aus, um sexualisierte Gewalt oder Machtmissbrauch zu verhindern? «Nein, es ist eine von vielen Massnahmen. Und das weiss die Kirche selbst», sagt Léa Burger. Tätertypen seien unterschiedlich: Bei manchen zeige sich problematisches Verhalten bereits in der Persönlichkeitsstruktur – dort könne ein Assessment helfen. Andere würden erst in bestimmten Situationen übergriffig. Um dies zu verhindern, braucht es eine enge und aufmerksame Begleitung durch die Verantwortlichen, etwa durch streng geführte Personalgespräche. Auch obligatorische Weiterbildungen zum Thema Nähe-Distanz können hilfreich sein.

Radio SRF 4 News, 4.2.2026, 6:15 Uhr ; 

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