Am Morgen noch frühstückte Franz in seinem Elternhaus in Ruswil LU. Er klemmte sich seine Schulmappe unter den Arm wie jeden Morgen. Nur waren darin keine Schulsachen.
«Am 22.6.1943, an meinem Geburtstag, fuhr ich normal mit dem Autobus nach Luzern. Statt in die Schule zu gehen, löste ich eine Fahrkarte und fuhr nach Liestal. Vor der Abreise entnahm ich meiner Sparbüchse 8 Franken und aus derjenigen meines Bruders Hans eine 20-Frankennote. Ab Liestal fuhr ich per Rad nach Reinach. Um 19 Uhr passierte ich die Grenze bei Leimen.»
Das steht in einem Protokoll, das ich in der Akte meines verstorbenen Onkels im Bundesarchiv gefunden habe. Franz ging mitten im Zweiten Weltkrieg heimlich ins Deutsche Reich. Später sagte er, dass er nichts mit den Nazis zu tun haben wollte – er habe «nur» eine Arbeit in einem Büro suchen wollen.
Junge Schweizer Freiwillige im Deutschen Reich
Doch warum ging ein junger Schweizer im Sommer 1943 ins Deutsche Reich, wenn er nichts mit den Nazis zu tun haben wollte?
Diese Frage geht mir nicht aus dem Kopf, seit ich das schmale Buch gelesen habe, das Franz nach seiner Rückkehr über seine Kriegserlebnisse geschrieben hat: «Zur Waffen-SS gezwungen. Tatsachenbericht eines jungen Luzerners». Meine Eltern gaben es mir, als ich ein Teenager war.
Bis dahin hatte ich Jugendbücher über die Opfer und Verfolgten des nationalsozialistischen Regimes gelesen; die Täter und Mitläufer interessierten mich nicht. Der Zweite Weltkrieg hatte, so dachte ich als Jugendliche, nichts mit der Schweiz zu tun. Und dann das: die unangenehme Erkenntnis, dass die Verstrickungen bis in die eigene Familie hineinreichen. Und der Wunsch, zu begreifen, wie es dazu kommen konnte, dass sich junge Schweizer zur Waffen-SS meldeten.
Ausbruch aus dem streng katholischen Elternhaus
Als sich Franz nach dem Krieg vor dem Schweizer Militärgericht verantworten musste, gab er zu Protokoll, er sei nach Deutschland gegangen, weil es ihm zu eng war im streng katholischen Elternhaus:
«Ich hatte schon längere Zeit das Gefühl, dass ich zu Hause zu streng behandelt werde. Andere Kameraden schienen mehr Freiheit zu geniessen, konnten Bergtouren machen usw. Auch ist es mir verleidet in die Schule zu gehen. Ich wäre lieber sofort ins Erwerbsleben getreten.»
Als ich 17 Jahre alt war und etwas von der Welt sehen wollte, durfte ich ein Austauschjahr machen. Franz hingegen zog in den Krieg – auch wenn er das, wie er später sagte, nie wollte. Heute kann er sich nicht mehr dazu äussern, er ist vor mehr als zwanzig Jahren gestorben.
Gerne würde ich ihn fragen, ob er damals wirklich nur aus pubertärer Rebellion gegen das Elternhaus nach Deutschland ging. War da nicht doch eine Faszination für das nationalsozialistische Regime? Damit wäre er nicht alleine gewesen: Auch in der Schweiz gab es die faschistische Frontenbewegung, deren Anhänger den Aufstieg Hitlers bewunderten. Ein Schulfreund von Franz, mit dem er vor seiner Abreise im Austausch war, soll «pro-deutsch» gewesen sein. So steht es im Protokoll eines Verhörs, das die Polizei nach Franz' Flucht mit Mitschülern führte.
Schweizer waren willkommen bei den «Germanischen Freiwilligen»
Nach seinem illegalen Grenzübertritt wurde Franz von der Gestapo verhaftet und nach Stuttgart geschickt. Dort sollte er sich im «Panoramaheim» melden, einer Villa, in der SS die so genannte «Germanische Freiwilligen-Leitstelle» betrieb. Sie hatte die Aufgabe, Ausländer für die Waffen-SS zu rekrutieren.
Der Waffen-SS, die Heinrich Himmler unterstand, fehlte es an Nachschub, weil die Wehrmacht die neuen Jahrgänge rekrutieren durfte. Deshalb wurden ausländische Freiwillige angeworben, die gemäss der NS-Rassenideologie «germanisch-artverwandt» waren. Rund 2000 Schweizer dienten in diesen Truppen, die zu zwei Dritteln aus Ausländern bestanden.
Von ehemaligen Frontisten zur Waffen-SS gedrängt
Im «Panoramaheim» wurden junge Schweizer gezielt in die Waffen-SS geschleust. Der Gründer war der Luzerner Arzt Franz Riedweg, ein früherer Frontist, der im Dritten Reich Karriere machte. Er behauptete später, im «Panoramaheim» sei niemand zur Waffen-SS gezwungen worden.
Auch der spätere Leiter Benno Schäppi, ebenfalls ein ehemaliger Schweizer Frontist, bestritt jeglichen Zwang. Doch Franz schreibt, Schäppi habe ihn gleich nach der Ankunft im «Panoramaheim» zum Eintritt in die Waffen-SS überreden wollen.
Franz sagte, er wolle nicht zum Militär, sondern sich eine Stelle in einem Büro suchen. Noch am selben Abend wurde er zu einem opulenten Essen eingeladen:
«Da kam ich auch mit den andern zehn Schweizern ins Gespräch, und ich sah, dass die meisten die gleiche Dummheit gemacht hatten wie ich. Nur wenige von ihnen waren wirkliche Nazis. Fast alle wollten auch arbeiten, aber sie sagten, man rede und rede ihnen immer zu, sie müssten in die Waffen-SS eintreten.»
Ideologische Bearbeitung und üppige Mahlzeiten
Zeugenberichte zeigen: Im «Panoramaheim» wurden die jungen Männer ideologisch bearbeitet und mit einem feudalen Lebensstil gelockt, der Waffen-SS beizutreten. Die meisten kamen aus einfachen Verhältnissen und liessen sich leicht durch einen Luxus verführen, den sie von zu Hause nicht kannten. Es sei wie im Hotel zu- und hergegangen, schreibt Franz in seinem Bericht. Die jungen Leute wurden üppig bewirtet, zu einer Zeit, als Lebensmittel in Deutschland längst Mangelware waren:
«Jenen Abend gab’s Pudding mit Erdbeeren, Kirschen und Rahm, voll besteckt mit Waffeln. Auch diesen Abend hatte ich wieder genug gegessen, fast nur etwas zu viel. Und immer wieder redeten die Nazis auf uns ein, dass wir jetzt selber sehen, wie gut sie noch im fünften Kriegsjahr zu leben hätten.»
Motive der Schweizer Freiwilligen
Die Gruppe der Schweizer im Panoramaheim bestand aus Arbeitssuchenden, Abenteurern, Kleinkriminellen und jugendlichen Ausreissern, die sich vom Gang nach Deutschland eine Verbesserung ihrer persönlichen Lage erhofften. Auch überzeugte Nationalsozialisten und Antikommunisten waren dabei, die gegen die «bolschewistische Walze aus dem Osten» kämpfen wollten, wie ein ehemaliger Freiwilliger in einer DRS-Sendung von 1977 sagte.
Nachdem Franz einige Wochen im Büro einer Weinhandlung bei Stuttgart Arbeit gefunden hatte, liess er sich dazu überreden, der Waffen-SS beizutreten.
«Auf beständiges Drängen des Benno Schäppi hin stellte ich mich Anfang August mit ca. 15 weiteren Schweizern bei der Waffen-SS. Am letzten Abend in Stuttgart wurde uns noch ein feines Essen serviert. So muss man’s eben machen, um die Vögel zu fangen!»
Auch wenn sich Franz in seinem Bericht von den Nazis distanziert, muss er damals eine gewisse Begeisterung für den Militarismus im Deutschen Reich gehabt haben. Das zeigt ein Porträt in Uniform, das er seiner Freundin Heidy aus dem Ausbildungslager schickte und dazu schrieb: «Ich lege Dir hier ein Foto und zwei Karten von unserer SS bei.» Er schrieb tatsächlich «unsere SS»! – Da muss er noch Stolz verspürt haben, nun kein Schüler mehr zu sein, sondern einer, der auf eigenen Füssen steht.
Wer den Eid verweigerte, wurde weggesperrt
Die Eltern von Franz versuchten von Ruswil aus verzweifelt, ihren Sohn aus Deutschland zurückzuholen. Doch das Schweizer Konsulat konnte nichts machen, denn im Deutschen Reich durften sich 17-Jährige bereits zum Militär melden. Und Franz bereute bald, dass er der Waffen-SS beigetreten war. Im Ausbildungslager im elsässischen Sennheim, heute Cernay, wurden die angehenden Soldaten von früh bis spät gedrillt und beschimpft.
Franz wollte nach Hause, doch es war zu spät: Nach sechs Wochen musste er sich vereidigen lassen – wer sich weigerte, so schreibt er in seinem Bericht, «wurde einfach weggesperrt».
Fehlgeschlagene Fluchtversuche
Nach sieben Wochen versuchte Franz, zu desertieren, obwohl er wusste, dass darauf die Todesstrafe stand. Er verliess das Lager mit dem sonntäglichen Ausgangsschein in der Absicht, in die Schweiz zurückzukehren. Da es heiss war, ging er in seinem jugendlichen Leichtsinn in einer Kleinstadt noch «ein paar Eisportionen» essen.
Er wurde gefasst und zur Abschreckung der Kompanie vorgeführt, die Abzeichen wurden ihm von der Uniform gerissen, danach kam er in Haft. Beim zweiten Fluchtversuch vier Wochen später schaffte er es zusammen mit einem Kameraden bis kurz vor Basel:
«Wir sahen schon auf der Schweizerseite drüben die Strassenbahn fahren. Es war ziemlich hell, denn es war Vollmond. Plötzlich sahen wir zwei Wolfshunde angerannt kommen. Wir begannen zu rennen, aber schon hatten uns die Hunde eingeholt.»
Danach wurde er zum Tod verurteilt, doch die Strafe wurde nicht vollstreckt, weil er noch minderjährig war. Das Urteil wurde umgewandelt in drei Jahre Zwangsarbeit mit anschliessender «Frontbewährung». Den Rest des Kriegs verbrachte Franz als Häftling in verschiedenen Straflagern. Seine Schilderungen der Grausamkeit in diesen Lagen, in denen unzählige Menschen erschossen wurden oder infolge der Haftbedingungen starben, kann man heute nur als Mahnmal gegen den Krieg lesen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie viel Mitleid man mit einem haben darf, der aus freien Stücken ins Deutsche Reich gegangen war.
Es ist nicht an mir, über meinen Onkel zu richten, der damals ein Teenager war. Mich interessiert seine Geschichte heute, weil sie zeigt, unter welchen Umständen sich junge Menschen zu Taten verführen lassen, die sie später bitter bereuen.
Franz überlebte drei Straflager. Im Frühling 1945 wurde er zur «Frontbewährung» nach Osten geschickt, doch er hatte das Glück, nie dort anzukommen. Im Chaos der letzten Kriegstage konnte er sich den Amerikanern ergeben, die ihm Zivilkleider gaben und ihn nach Hause schickten.
Schweigen über die Vergangenheit
Zurück in der Schweiz, musste sich Franz vor dem Militärgericht verantworten, denn seit 1921 war es verboten, sich in fremde Kriegsdienste zu stellen. Wegen seiner Jugend fiel das Urteil deutlich milder aus als bei anderen Schweizern, die in der Waffen-SS dienten. Franz bekam nur eine bedingte Gefängnisstrafe und durfte wieder zurück in sein Elternhaus. Dort schrieb er auf einer alten Schreibmaschine seine Erlebnisse auf, mithilfe eines pensionierten Lehrers, um im Dorf nicht allen Neugierigen davon erzählen zu müssen. Ob alles in seinem Bericht der Wahrheit entspricht, weiss ich nicht mit Sicherheit – Selbstzeugnisse sind heikle historische Quellen. Ich lese das Buch auch als Rechtfertigungsschrift eines 19-Jährigen.
Wie die meisten ehemaligen Freiwilligen aus der Schweiz, die bei der Waffen-SS waren, führte Franz nach seiner Rückkehr ein unauffälliges Leben. Er wurde sehr patriotisch, hisste die Schweizer Fahne über seinem Haus und machte gerne Bergtouren – das, was ihm als Jugendlicher verboten war. Wie er mit seiner Vergangenheit klar kam, weiss ich nicht. Er soll im Schlaf manchmal geschrien haben.
Ich bin ihm als Kind nur wenige Male begegnet und habe ihn als freundlichen, etwas wunderlichen älteren Mann in Erinnerung. Damals kannte ich sein Buch noch nicht. Er hätte wohl kaum mit mir darüber gesprochen; er lehnte auch Interviews mit Journalisten ab, die versuchten, dieses unschöne Kapitel der Schweizer Geschichte aufzuarbeiten. Immerhin hat er seinen Bericht hinterlassen. Der Titel «Zur Waffen-SS gedrängt» käme der Wahrheit wohl näher.