Ins Theater gehen, ohne die Absicht zu haben, ein Theaterstück zu sehen? Oder sich im Museum verabreden, einfach um sich mit Freunden zu treffen? Warum nicht. In Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche müssen auch Kulturorganisationen ihre Angebote anpassen, um sich für die Zukunft zu wappnen.
Eine mögliche Strategie: Neben den Kernaufgaben wie Theatervorstellungen und Ausstellungen bieten sich Theater und Museen als niederschwellige Treffpunkte an und öffnen sich für ein neues Publikum.
Offene Foyers
Da ist etwa das Foyer Public am Theater Basel. Seit mehr als vier Jahren öffnet es seine Tore sechs Tage die Woche tagsüber für alle, die kommen wollen: Diejenigen, die im grosszügigen Raum andere Eltern und ihre Kinder treffen wollen. Diejenigen, die sich dort regelmässig zum gemeinsamen Tanzen begegnen. Oder diejenigen, die zum Schachspielen oder Hausaufgaben machen kommen. Oder einfach, um eine zu Pause zu machen.
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Bild 1 von 4. Mit dem «Foyer Public» will das Theater Basel dem Raum Leben einhauchen. Es soll ein Ort sein, wo alle willkommen sind. Bildquelle: Theater Basel/Ingo Hoehn.
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Bild 2 von 4. Genügend Platz ist im Foyer des Theater Basels auf alle Fälle vorhanden. Bildquelle: KEYSTONE/Georgios Kefalas.
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Bild 3 von 4. Für das «Foyer Public» hat das Theater Basel eine Kinderecke mit Spielsachen eingerichtet. Bildquelle: Theater Basel/Ingo Hoehn.
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Bild 4 von 4. Und eine von der Stadtbibliothek eingerichtete Ecke lädt zum Lesen ein. Bildquelle: Theater Basel/Ingo Hoehn.
Es hat Internet, es gibt ein Café, aber es besteht kein Konsumzwang. Tatsächlich wird das Angebot rege benutzt, das Foyer Public gilt bereits als Vorzeigeprojekt für einen modernen «dritten Ort» in der Tradition von Ray Oldenburg.
Öffentliche Bibliotheken waren die Vorreiterinnen dieses Konzepts der Öffnung und Hinwendung zu einer diversen Stadtgesellschaft. Dorthin geht man schon lange nicht mehr nur, um Bücher auszuleihen.
Der US-amerikanische Soziologe und Stadtplaner Ray Oldenburg etablierte den Begriff der «dritten Orte» 1989 in seinem Buch «The great good place». Neben den privaten Räumen (erste Orte) und dem Arbeitsplatz (zweite Orte) seien solche dritten Orte lebenswichtig für die Menschen. Oldenburg bezeichnet sie sogar als Keimzelle der Demokratie.
Kultur in Zeiten der Multikrisen
Dass Oldenburgs Konzept gerade heute wieder viel besprochen wird, ist vor dem Hintergrund, dass sich Kulturorganisationen derzeit vielen Herausforderungen zu stellen haben, einleuchtend.
Eine aktuelle Studie des Studiengangs Kulturmanagement der Universität Basel zeigt, dass neben finanziellen Engpässen aufgrund von Kürzungen und steigenden Betriebskosten auch wichtige kulturpolitische Forderungen wie Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Diversität die Kulturorganisationen unter Druck setzen.
Und auch die Organisationen selbst sind im Wandel: Mehr Ko-Leitungen, mehr Mitsprache, neue Arbeitsmodelle. Gerade eine jüngere Generation verwehrt sich gegen die Selbstausbeutung, die im prekären Kulturbereich lange als normal galt.
Hinzu kommt, dass der Wind, der den Kulturorganisationen im aktuellen politischen Klima ins Gesicht weht, stärker geworden ist.
Politischer Druck
Gerade rechte Populisten haben die Kultur als einen wichtigen Ort der Meinungsbildung entdeckt und instrumentalisieren sie zu ideologischen Zwecken. Der Soziologe Wolfram Gernot beschreibt in seinem Buch «Kampfzone Kultur» schlüssig, dass die Kultur für sie zu einem produktiven Ort der Einflussnahme geworden ist.
Auch er bezieht sich auf das Konzept der dritten Orte und beschreibt Kulturorte als Schutzorte demokratischen Denkens, in denen es darum geht, gemeinsame Werte zu verteidigen und damit den sozialen Zusammenhalt und das differenzierte Nachdenken zu stärken.