Die Tür ist zu. Drinnen im Saal des Gasthofs «Ochsen» in Düdingen im Kanton Freiburg trifft sich heute eine geschlossene Gesellschaft. An diesem Mittagsanlass darf normalerweise nur dabei sein, wer vom Rotary-Club Freiburg Sense aufgenommen wurde.
Eine von ihnen ist Sarah Pfander, Inhaberin eines Personalvermittlungs-Unternehmens hier im Dorf. Ihr Vater hat den Club mitgegründet. «Ich bin sozusagen mit den Werten der Rotarier aufgewachsen», sagt sie. Sie meine damit die Gemeinschaft. Und dass sie mit den sozialen Projekten der Gemeinschaft etwas bewegen könnten.
International will die Organisation dazu beitragen, dass das Kinderlähmungs-Virus Polio ausgerottet wird. In der Region Freiburg organisiert der Club unter anderem Lager für benachteiligte Kinder.
«Wenn man das Lächeln eines Kindes sieht, ist das etwas Wunderschönes», sagt Sarah Pfander. Das gebe ein gutes Gefühl. Das gute Gefühl sei zwar schön, aber es gehe ihr vor allem darum, etwas zu bewirken.
Für eine bessere Welt
Darum geht es den Service-Clubs in der Schweiz: Sie wollen sich für eine bessere Gesellschaft einsetzen. Ausserdem solle das Miteinander gefördert werden. So steht es auf den Webseiten der verschiedenen Service-Clubs in der Schweiz und auch in ihren Vereins-Statuten.
Die meisten dieser Clubs haben ihren Ursprung in den USA. Heute sind sie auch in der Schweiz allerdings in vielen lokalen Vereinen organisiert. Deshalb unterscheidet sich sozusagen von Dorf zu Dorf, wie die Vereine funktionieren, welche Regeln gelten und ob sowohl Frauen als auch Männer zugelassen sind – oder nur entweder oder.
Der Rotary-Club Düdingen trifft sich jeden Mittwochmittag. Ein Fixpunkt in Sarahs Agenda: «Hier kann ich mich mit spannenden Menschen unterhalten. Und ich weiss im Vorfeld nie, neben wem ich jeweils sitze.»
Personen mit Einfluss unter sich
Auf dem heutigen Menü stehen ein Apéro, ein üppiges Mittagessen und lockere Gespräche. An anderen Mittagen stehen Vorträge auf dem Programm.
Die Club-Mitglieder erhalten Infos aus erster Hand von Führungspersonen, Menschen aus der Politik oder von berühmten Personen wie beispielsweise dem Trainer der Schweizer Ski-Profis Marco Odermatt, Franjo von Allmen und Loïc Meillard. Dadurch haben die Mitglieder auch direkten Zugang zu Personen mit Einfluss.
Auch viele der Mitglieder sind einflussreiche Personen aus der Region Deutschfreiburg. Zum Beispiel sind Amtierende und ehemalige Politikerinnen und Politiker, ein Bank-Direktor oder eine Rektorin der Universität Freiburg am Anlass.
Das Durchschnittsalter ist eher hoch, der Männer-Anteil auch. Doch der Club im Sense-Bezirk ist seit ein paar Jahren auch offen für Frauen und hält Ausschau nach jüngeren Personen. So ist die Altersspanne hier gross. Das jüngste Mitglied ist 33, das älteste 88.
Aufwendiges Aufnahmeverfahren
Wer in den Club reinkommt – das entscheiden allein die Rotarierinnen und Rotarier. Mindestens zwei ihrer Mitglieder müssen eine Person vorschlagen, damit eine mögliche Kandidatur geprüft wird.
Danach beginnt der Aufnahmeprozess. «Bewerben kann man sich nicht. Das käme wohl nicht gut an», sagt Sarah Pfander. Sie übernimmt im nächsten Jahr das Jahres-Präsidium und hält auch Ausschau nach potenziellen Mitgliedern.
Ob diese Personen Einfluss in Wirtschaft oder Politik haben, spiele keine Rolle. Als Prestige-Verein sieht Pfander ihren Club nicht. Es sei kein Aufnahmekriterium, ob jemand bereits eine Karriere gemacht habe oder nicht. Sie kann allerdings nicht genau sagen, welche Kriterien über eine Aufnahme entscheiden würden.
Das führt dazu, dass gewisse Bevölkerungsgruppen kaum in solchen Netzwerken aufgenommen werden, sagt Nils Fürstenberg. Er forscht an der Universität St. Gallen zu solchen analogen Netzwerken, also Service-Clubs.
Er weiss aus der Forschung, dass – schon aus historischen Gründen – kaum Menschen aus dem Arbeitermilieu oder Personen, die nicht aus einem reichen Elternhaushalt kommen, aufgenommen werden. Eine Leitungsfunktion im Beruf oder eine verantwortliche Funktion in einem anderen Bereich sind oft Voraussetzung dafür.
Grauer Arbeitsmarkt
Service-Clubs hätten daher eine Signalwirkung, weil sie nur bestimmte Menschen aufnehmen: «Wenn ich mit einem Mitglied eines Service-Clubs in Kontakt komme, weiss ich, dass diese Person auf eine gewisse Art bereits genauer angeschaut wurde. Sie hat also gewisse Selektionsmechanismen überstanden», so Fürstenberg.
Unter den Mitgliedern der Netzwerke könnten sich dann Wettbewerbsvorteile ergeben. Durch die regelmässigen Treffen, die sozialen Projekte und die gemeinsamen Erlebnisse würden tiefere Beziehungen und Vertrauen entstehen.
«In der Schweiz ist der Anteil des grauen Arbeitsmarkts am gesamten Arbeitsmarkt relativ gross», sagt Nils Fürstenberg. Er meint damit, dass Stellen unter der Hand vergeben und gar nicht erst ausgeschrieben werden. «Gerade in solchen Fällen wird klar, dass ein gutes und breites Netzwerk sich positiv auswirkt – auch auf die eigene Karriere.»
Auch Sarah Pfander profitiert davon. Als Personalvermittlerin hat sie schon öfter jemandem aus dem Rotarier-Netzwerk eine passende Person empfehlen können. Die anderen Rotarier seien dann auch froh gewesen, auf ihre Empfehlung gehört zu haben. «Sie wissen, worauf sie sich bei uns einlassen», sagt sie.
Netzwerk für Junge
Solche Netzwerke können auch jüngeren Menschen helfen. Das zeigt die Erfahrung von Luca Iseli. Der 30-Jährige ist Steinhauer in der Stadt Bern. Das Geschäft wurde einst von seinem Grossvater gegründet, der sogar Steine fürs Bundeshaus behauen hat.
Vor neun Jahren übernahm Luca Iseli das Unternehmen von seinem Vater – früher als erwartet. Sein Vater wurde krank. «Ich konnte ihn zwar immer noch fragen. Aber ich war rasch auf mich allein gestellt und hatte eine grosse Verantwortung – fürs Geschäft, für die Angestellten und auch für die Büroarbeiten.»
Er hatte schon damals ein gutes Umfeld. Doch als Unternehmer fehlte ihm etwas. «Ich brauchte Leute um mich, die mich unterstützen und motivieren und die mir bei konkreten Problemen als Führungsperson helfen», erklärt er.
Gefunden hat er diese Leute in der jungen Handelskammer JCI. Das ist ein analoges Netzwerk für junge Führungskräfte zwischen 18 und 40 Jahren, schreibt die JCI auf ihrer Webseite. Der Club wirkt allgemein jünger und weniger starr. Doch auch hier gibt es soziale Projekte, nationale und internationale Treffen und einen Mittagstreff.
«Für mich spannend sind vor allem Einblicke an Orten, die etwas mit meinem Beruf zu tun haben, wie beispielsweise eine Führung in einem Werkhof», begründet Luca Iseli die Vorteile dieser Mitgliedschaft für ihn. Und auch er gibt zu: «Ja, klar habe ich schon den einen oder anderen Auftrag dank dieses Netzwerks an Land gezogen.»
Und so wird klar: Die Treffen der rund 30'000 Service-Club-Mitgliedern in der Schweiz sind zwar Treffen, um die Gesellschaft weiterzubringen. Gewisse Vorteile bringen diese Kontakte aber auch den Mitgliedern selbst.