Forschung Wer hat den Terrorismus erfunden?

Historikerin Carola Dietze wirft in «Die Erfindung des Terrorismus» den Blick ins 19. Jahrhundert und findet Antworten.

Vogelperspektive der Stadt New York - im Hintergrund raucht ein Hochhaus. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Attentat auf das World Trade Center ist ein markantes Beispiel des modernen Terrorismus. Keystone

Das wichtigste in Kürze

  • Die Historikerin Carola Dietze untersucht in «Die Erfindung des Terrorismus» den Ursprung terroristischer Akte.
  • Im Fokus ihrer Untersuchung stehen der italienische Freiheitskämpfer Felice Orsini und der US-Amerikaner John Brown – sie sind die ersten «Terroristen».
  • Der moderne Terrorismus bekämpft jedoch vermehrt die Freiheit und tritt eher reaktionär als revolutionär auf.
  • Das Schema der Gewalt ist geblieben und wurde durch die Erfindung des Internets radikalisiert und beschleunigt.

Kaum ein Tag vergeht, ohne dass uns Meldungen über terroristische Anschläge erreichen. Oder der Krieg gegen den Terrorismus als eine Art Dritter Weltkrieg dramatisiert wird. Aber was genau ist Terrorismus? Dieser Frage geht Historikerin Carola Dietze nach. In ihrem Buch «Die Erfindung des Terrorismus» spürt sie die Vorläufer von Osama bin Laden auf.

Die Erfindung des Terrorismus

3:22 min, aus Kultur kompakt vom 15.12.2016

Terrorismus ist eine geplante, schockierende Gewalttat, die – im Untergrund organisiert – gegen eine politische Ordnung eingesetzt wird. So definiert Carola Dietze Terrorismus, angelehnt an den Soziologen Peter Waldmann.

Adressaten dieser schockierenden Taten sind meist zwei Zielgruppen: Zum einen die Zielpersonen, die politischen Feinde, zum anderen mögliche Sympathisanten, die man für die Sache begeistern könnte.

Die Erfinder des Terroranschlags

Bis anhin galten die russischen Anarchisten des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts als die Urväter des Terrorismus. So beginnt Carola Dietzes Studie auch in Russland, in der Zeit antizaristischer Attentate.

Sie porträtiert Dmitrij Vladimirovič Karakozov, der 1866 einen Attentatsversuch auf Zar Alexander II. unternahm und scheiterte. Karakazov war aber lediglich ein Nachahmungstäter, der sich auf europäische und amerikanische Vorbilder berief. So sind sie auch die eigentlichen Helden in Dietzes Studie.

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Dr. Carola Dietze

Die Historikerin lehrte und forschte an verschiedenen deutschen Universitäten und war wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Historischen Institut in Washington. 2006 erhielt Carlola Dietze den Hedwig-Hintze-Preis des Deutschen Historikerverbandes. Sie arbeitet derzeit am Institut für Geschichtswissenschaft an der TU Braunschweig.

Terrorismus als revolutionärer Akt

Im Fokus ihrer Untersuchung stehen der italienische Freiheitskämpfer Felice Orsini und der US-Amerikaner John Brown. Orsinis misslungenes Attentat auf Kaiser Napoleon III. am 14. Januar 1858, wird als politischer Gewaltakt im Dienste der italienischen Freiheitsbewegung gesehen.

Brown, der am 16. Oktober 1859 das Armeedepot «Harpers Ferry» überfiel, leitete damit das Ende der Sklaverei in den USA ein. Der Anschlag gilt als erster Terrorakt der US-Geschichte.

Nachvollziehbare Attentate

Die Angriffe mögen befremden, aber die politischen Motive dieser prominenten Attentäter können durchaus Sympathien wecken.

«Es fällt uns sicher sehr viel leichter, die Motivation der Attentäter aus dem 19. Jahrhundert nachzuvollziehen, weil sie für Ziele fochten, die durchaus positiv besetzt sind», meint Dietze.

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Buchhinweis

Carola Dietze: «Die Erfindung des Terrorismus in Europa, Russland und den USA 1858-1866». Hamburger Edition, 2016.

«Wenn Orsini ein Attentat auf Napoleon III begangen hat, um eine italienische Nation und Nationenbildung herbeizuführen, dann ist das ein Ziel, mit dem wir uns gut identifizieren können. Vor allen Dingen, weil es dabei auch um die Durchsetzung der Demokratie ging.»

Reaktionärer Terrorismus

Die Gründe des modern organisierten Terrorismus sind zugleich auch das Ende seiner idealistischen Legitimation. Orsinis und Browns kämpferischer Idealismus weicht über die kommenden Jahrzehnte einem vermehrt reaktionären Auftreten terroristischer Organisationen oder Einzeltäter. Sie bekämpfen Freiheit und treten eher reaktionär als revolutionär auf.

Dietzes Augenmerk gilt aber auch der Struktur des modernen Terrorismus, der – bedingt durch die Globalisierung und fortschreitender Kommunikationstechnik – professionalisiert werden konnte.

Terror als Kommunikationsmittel

Resümiert man Dietzes Studie, führt die Spur zurück zu den gewaltbereiten Idealisten Orsini und Brown. Sie machten mit ihrer Gewalt Schlagzeilen und lieferten die Blaupause für weitere terroristische Gewalt im Namen revolutionärer Ideen.

Das Schema ist bis heute weitestgehend geblieben und wurde durch die Erfindung des Internets radikalisiert und beschleunigt.

Dietzes Fazit ist einfach und bestechend zugleich: Eine Handvoll männlicher Terroristen haben es als erste verstanden, wie Terrorismus funktioniert und bis in das 21. Jahrhundert hinein praktiziert wird.

Staatsbürger als Ziel

Mit spektakulärer Gewalt, die über die Medien verstärkt wird, gelingt es terroristischen Gruppen ein Klima der Angst und Gegengewalt zu erzeugen. Eine Gewaltspirale, die – wie Dietzes Studie belegt – den Terrorismus als funktionierendes System immer weiter beschleunigt und zu einer neuen Form der Kriegsführung perfektioniert.

So wie Orsini bei seinem Attentat auf Kaiser Napoleon III zivile Opfer in Kauf genommen hat, werden heute zivile Personen selbstverständlich zum Ziel terroristischer Attentate bilanziert.

«Das hat damit zu tun hat, dass die Attentäter in der Annahme sind, sie würden sich gegen eine Staatsbevölkerung richten», meint Dietze. «Den Staatsbürgern wird Verantwortung für ihre Regierung zugeschrieben. Denn sie haben sie gewählt.»

Insofern werden alle Amerikaner, alle Deutschen, Franzosen, Israelis, aus einer solchen Perspektive heraus, als Opfer zur Zielscheibe.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 15.7.2016, 17:22 Uhr.