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Whatsapp & SMS Wieso Junge lieber Mundart texten

Eine neue Studie der Universität Bern bestätigt, was viele vermuteten: Je älter man ist, desto eher schreibt man Kurznachrichten auf Hochdeutsch; je jünger, desto eher schreibt man Mundart. Die 20- bis 40-jährigen Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer gaben im Durchschnitt an, etwa 80 Prozent ihrer SMS- und Whatsapp-Nachrichten auf Schweizerdeutsch zu schreiben, die über 65-jährigen hingegen durchschnittlich nur etwa 38 Prozent der Nachrichten. SRF-Mundartexperte André Perler hat sich die Studie genauer angeschaut.

André Perler

Literaturredaktor

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André Perler hat an der Universität Freiburg i. Ü. Germanistik (mit Schwerpunkt Dialekte) und Geschichte studiert. Seit 2016 ist er Teil der SRF-Mundartredaktion. Auf Radio SRF 1 und SRF Musikwelle beantwortet André vormittags Mundartfragen. Am Donnerstagabend von 20 bis 21 Uhr berichtet er in der Sendung «Dini Mundart» auf Radio SRF 1 im Turnus mit seinen Kollegen der Mundart-Redaktion über Mundartliteratur, neue Dialektwörterbücher oder aktuelle Sprachphänomene. Auf srf1.ch, Facebook und Instagram sind ausserdem seine kurzen «Dini Mundart»-Videos zu sehen.

Wie erklärt sich dieser Generationenunterschied?

Der Studienautor Adrian Leemann führt verschiedene Gründe an:

  1. In der Mundart gibt es keine offizielle Rechtschreibung – da kann man also auch keine Fehler machen. Das gefällt jungen Leuten offenbar.
  2. In der Mundart kann man sich individueller ausdrücken als im standardisierten Hochdeutsch – zum Beispiel mit einem lokalen Dialekt oder einem bestimmten Jugendslang. Auch das kommt dem Bedürfnis junger Menschen nach Individualität und Gruppenzugehörigkeit entgegen.

Welche Rolle spielt die Gewohnheit?

Wohl eine grosse. Bis Ende des 20. Jahrhunderts waren die Anwendungsbereiche von Dialekt und Standardsprache relativ klar getrennt: Wie die Bezeichnungen zeigen, verwendete man im Mündlichen «Mundart» und im Schriftlichen «Schriftdeutsch». Deshalb sind viele ältere Menschen gar nicht gewohnt, regelmässig Dialekt zu schreiben und zu lesen. Seit Anfang des 21. Jahrhunderts aber weicht sich diese Trennung, die sogenannte «mediale Diglossie», immer mehr auf – gerade wegen der neuen digitalen Kommunikationsmittel. Darum sind junge Leute schon mit einer weniger starren Vorstellung aufgewachsen, wo Mundart angebracht ist und wo nicht.

Sind Whatsapp-Nachrichten überhaupt «schriftlich»?

Tatsächlich ersetzen solche Kurznachrichten nicht geschriebene Briefe (das wäre dann eher das E-Mail), sondern das mündliche Gespräch. Es wird also bevorzugt eine informelle Sprache verwendet, die von der Art her näher beim Mündlichen als beim Schriftlichen ist. Auch das kann fürs Schweizerdeutsche sprechen.

Über die Studie

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Die neue Untersuchung des Berner Linguistikprofessors Adrian Leemann basiert auf Befragungen im Rahmen der Erhebungen für den «Dialäktatlas». Sie wird aktuell noch «peer-reviewed», also von anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern geprüft.

Die Probandinnen und Probanden

Befragt wurden im Jahr 2020 1013 Personen aus 127 Deutschschweizer Orten. Bei den Befragten handelt es sich um sogenannt «ortsfeste» Personen: Sie sind an ihrem Wohnort aufgewachsen und arbeiten bzw. studieren in der Region. Auch mindestens ein Elternteil muss aus dem Ort stammen.

Das heisst, dass sich die Studienergebnisse auf ortsfeste Menschen beziehen. Auf die vielen nicht ortsfesten Deutschschweizerinnen und Deutschschweizern sind sie nicht ohne weiteres übertragbar.

Welche Unterschiede gibt es ausserhalb der Generationen?

Die Studie zeigt zwei weitere Effekte, die aber weniger ins Gewicht fallen als die Generationenunterschiede:

  1. Je höher der Bildungsgrad, desto eher wird Hochdeutsch verwendet.
  2. Junge Frauen schreiben mehr Nachrichten auf Dialekt als junge Männer.

Wie lässt sich dies erklären?

Eindeutig ist es nicht. Der Studienautor vermutet, dass es in Berufen, die eine hohe Bildung verlangen, öfter darum geht, mit dem korrekten Gebrauch von Standarddeutsch Kompetenz zu demonstrieren. Ausserdem könnten Menschen mit tieferer Bildung eher Mundart wählen, weil es dort keine Rechtschreibregeln gibt. Dass junge Frauen mehr Nachrichten auf Dialekt schreiben als junge Männer, könnte laut Leemann daran liegen, dass Frauen tendenziell in sozialen Berufen tätig sind, in denen emotionale Nähe wichtig ist. Möglicherweise zeigt sich also eine neue Tendenz, dass Mundartschreiben eingesetzt wird, um Nähe zu vermitteln – angetrieben von jungen Frauen. Für sicherere Erklärungen ist aber noch mehr Forschung nötig.

SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 21.5.2026, 08:15 Uhr. ; 

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