Im Comic wird eine Zürich-Kopie zum Albtraum

Der Comic-Zeichner Matthias Gnehm lässt seinen Protagonisten eine exakte Kopie von Zürich bauen – und das in China. Ein Comic voller Täuschungen, Affären und Intrigen, ganz in Pastelltönen. Für Architekturfreunde und Comicfans gleichermassen.

2014 war für den Zürcher Comic-Zeichner Matthias Gnehm ein gutes Jahr. Der 44-Jährige hat den Wettbewerb von Schweiz Tourismus für das Jubiläumsplakat für den Wintertourismus für sich entschieden und sein neuer Comic «Die kopierte Stadt» liegt auf den Büchertischen. Die Bilder sind mit Pastellfarbe gezeichnet. Das sticht heraus und verführt zum Kauf.

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Ein Crowdfunding-Projekt

Das Buch ist im Architekturverlag Hochparterre erschienen, dass bereits das erste Buch Gnehms publiziert hat. Der Comic wurde mit Crowfunding finandziert, da der Verkauf die Ausgaben nicht decken könne, so der Verlag.

Ungewohnter Blick auf Vertrautes

Ebenfalls verführerisch ist die Idee, die Stadt Zürich originalgetreu in China aufzubauen. Das ergibt wunderbare Szenen, wenn zum Beispiel die Hauptfigur mit der chinesischen Geliebten über die Quaibrücke spaziert und wir im Hintergrund ein perfektes Zürich sehen. Nur das Wasser in der Limmat fehlt noch, weil der Flussboden von Arbeitern und Maschinen gebohnert werden muss. Diese überraschenden Blicke auf das Bekannte sind ausgesprochen reizvoll.

Allein in der menschenleere Zürich-Retorte

Wunderbar auch, dass der Leser einen Einblick erhält, in das elegante Haus des Zürcher Architekten Werner Stücheli am Schanzengraben. Nach Fotos aus den frühen 60er-Jahren zeigt Gnehm die originale Inneneinrichtung mit Designklassikern. Inklusive der Liege von Eileen Gray und dem Alu-Stuhl von Hans Coray.

In diese schöne Szenerie setzt der ausgebildete Architekt Matthias Gnehm dann eine Geschichte, die mit Realität und Täuschung spielt. Der Held heisst Leo Lander, ein Architekt wie Matthias Gnehm auch. Lander ist eine grundehrliche Haut, aber ein Verlierertyp. Er wird von seinem alten Freund Hans Romer nach China geholt und möchte dort vom Bauboom profitieren. Dabei verliert er alles: Seine Frau, die Familie und selbst sein Ich kommt ihm abhanden. Am Schluss irrt er einsam und verwirrt durch die unbewohnbare Zürich-Retorte in China.

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Buchhinweis

Matthias Gnehm: «Die kopierte Stadt», Hochparterre, 2014.

Gnehm macht ungewöhnliche Verknüpfungen

2011 hat Matthias Gnehm in seiner Graphic Novel «Die Bekehrung» die Erinnerung an eine tragische Jugendliebe mit dem Thema Zersiedelung verknüpft. In «Die kopierte Stadt» kombiniert er absonderliche Intrigen, infame Blossstellungen, Selfies und Familienmodelle mit den boomenden Städten in China.

Dabei bezieht sich Matthias Gnehm auch auf die uralte chinesische Tradition des Nachahmens und Kopierens. Vor zwei Jahren wurde in Südchina zum Beispiel die Kopie des österreichischen Dorfes Hallstatt eingeweiht – nach nur einem Jahr Bauzeit.

«Die kopierte Stadt»

3:39 min, aus Kultur kompakt vom 16.01.2015

Chinas Pragmatismus als Vorbild

«Warum braucht es in diesen explodierenden Städten immer extravagante Lösungen? Warum macht man es nicht einfach wie die Chinesen und nimmt eine funktionierende Stadt und verpflanzt sie mit der ganzen Lebensqualität?» fragt Matthias Gnehm ketzerisch im Gespräch.

Es sind diese Fragen, die «Die kopierte Stadt» nicht nur sehens-, sondern auch lesenswert machen.