Vor etwa einem Jahr hätte sie ihren 100. Geburtstag feiern können. Aber wie so oft in ihrer Karriere stand sie auch dann im Schatten von Jean Tinguely, ihrem zweiten Ehemann. Sein Geburtstag wurde gross gefeiert, während ihrer fast vergessen ging.
Dennoch würdigten zwei Museen ihr Schaffen: Das Kunstmuseum Solothurn ehrte sie mit einer grossen Einzelausstellung und das Lehmbruck Museum in Duisburg richtete eine Doppelausstellung mit Aeppli und Tinguely aus.
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Bild 1 von 4. Eva Aeppli schuf Textilfiguren, aber auch Ölgemälde und Zeichnungen. Ihre Werke «Honore» (1974), Mitte, umrahmt von «La Fete» (1962), links, und «Mautz» (1962–1965), rechts, aufgenommen im Museum Tinguely im Januar 2006 in Basel. Bildquelle: KEYSTONE/Georgios Kefalas.
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Bild 2 von 4. Eva Aepplis zehn Planeten in Form von vergoldeten Bronze-Köpfen – in einer Ausstellung im Museum Tinguely. (2008). Bildquelle: KEYSTONE/Patrick Straub.
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Bild 3 von 4. Aepplis Werk «Fünf Witwen». (1969). Bildquelle: KEYSTONE/Georgios Kefalas.
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Bild 4 von 4. Das Werk «Bella» (1968) im Vordergrund und «La Croix» (1968). Bildquelle: KEYSTONE/Georgios Kefalas.
Eva Aepplis Werke berühren die Seele, erschüttern, erheitern und fordern heraus, ob gemalt, gezeichnet, als textile Figur oder in Bronze gegossen. Sie ging der Materie auf den Grund und liess dabei niemanden kalt. Männer wie Frauen waren gebannt von ihrem Charisma. Viele verliebten sich in sie. Sie allerdings war wählerisch. Wer ihr nicht passte, bekam das schnell zu spüren. Die Klaviatur ihrer Gefühlswelt war breit und tief. Genauso war ihre Kunst.
Der Tod mit Blumen im Haar
Aepplis Vater war Lehrer und Mitbegründer der Rudolf-Steiner-Schule in Basel. In ihrem humanistisch geprägten Elternhaus war die Naziherrschaft ein grosses Thema. Ihre frühen Kohlezeichnungen sind ein düsteres Zeugnis davon. Doch ohne Komik kamen selbst die verzweifelten, am Abgrund stehenden Figuren nicht aus. Selbst Todgeweihten zeichnete sie ein Lächeln aufs Gesicht und Blumen ins Haar.
Eva Aeppli und Jean Tinguely lernten sich an der Kunstgewerbeschule Basel kennen. Mit 27 übersiedelten die beiden – inzwischen verheiratet – nach Paris. Unter einfachsten Bedingungen lebten und arbeiteten sie in nächster Nähe von Künstlerinnen und Künstlern wie Constantin Brâncuși, Max Ernst oder Niki de Saint Phalle.
Der biederen Schweiz entflohen, entwickelten Aeppli und Tinguely einen riesigen Schaffensdrang. Er wurde schnell berühmt, während ihre textilen Figuren in der damaligen Kunstwelt nicht verstanden wurden. Sie zog sich zurück.
Völlig kompromisslos
Die Ehe zerbrach. Aeppli heiratete einen kunstaffinen Anwalt, Tinguely ehelichte Niki de Saint Phalle. Wieder schuf Aeppli Werke, die sich gegen die Strömung im Kunstmarkt bewegten: Als alle proklamierten, die Malerei sei tot, fing Eva Aeppli an, grosse Ölbilder zu malen.
Der Kunstbetrieb interessierte sie nicht. Sie hatte ihre eigene Agenda. Aeppli setzte um, was sie bewegte. Unbeirrt. Statt des Pinsels nahm sie nun wieder Nadel und Faden zur Hand, fing an zu nähen. Lebensgrosse Figuren.
Samt und Seide waren die Materialien. Sie reduzierte ihren Fokus auf die menschliche Physiognomie. So entstanden ihre berühmten Köpfe mit ausdrucksstarken Gesichtszügen. Aufgerissene Münder zeugen von stummen Schreien. Die «Groupe de 48» gilt als ikonisches Werk.
Lebenstagebücher
In dieser Zeit entstanden weitere Werkreihen. Zu den Sternzeichen, den Planeten, den sieben Todsünden. Nicht nur aus Stoff, sondern teilweise auch aus Bronze.
Eva Aeppli hat in den gut 50 Jahren ihres Schaffens viele Techniken angewandt. Einer Sache blieb sie über Jahrzehnte treu – ihren «Livres de vie». In mehreren grossformatigen Büchern hat sie ihr Leben zusammengefügt. Entstanden ist ein künstlerisches Archiv, eine eigene Welt, in der sich Privates mit Zeitgeschichtlichem verknüpft. Sie starb kurz nach ihrem 90. Geburtstag in ihrer französischen Wahlheimat Honfleur.