Der Schweizer Lyriker Werner Lutz war immer dabei, aber selten da

Werner Lutz wollte mit seinen Gedichten eigentlich nicht an die Öffentlichkeit. Lieber schrieb er still und beharrlich vor sich hin. Dass er auch malte, kam seiner Lyrik zu Gute – denn sie ist voll von reduzierten, intensiv leuchtenden Bildern. Ein Gespräch mit Literaturwissenschaftler Markus Bundi.

Ein Porträt von Werner Lutz. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Werner Lutz galt als scheuer Autor, er hat sich in grossen Menschenansammlungen nie richtig wohl gefühlt. Keystone

Werner Lutz ist diesen Monat im Alter von 85 Jahren gestorben. Sie haben ihn sehr gut gekannt, waren oft mit ihm zusammen. Wie bleibt er Ihnen in Erinnerung?

Markus Bundi: Werner Lutz war ein wunderbarer Mensch und ein grosser Künstler. Er war aussergewöhnlich, weil er einerseits so bescheiden und andererseits ein Meister seines Fachs war. Er ist einer der wenigen Künstler mit einer Doppelbegabung. Er war Lyriker und Maler, und beides hat er gleichwertig betrieben und befördert. Persönlich habe ich ihn immer als einen sehr aufmerksamen Menschen erlebt, einen, der aber unter zu grosser Reizüberflutung gelitten hat. Er brauchte Zeit und Musse fürs Schreiben und Malen. Er hat aber liebend gern im kleinen Kreise Gespräche geführt, manchmal bis tief in die Nacht.

Er war doppelbegabt, sagen Sie. Man kennt ihn aber in erster Linie als Lyriker. Was zeichnete ihn denn als Lyriker aus?

Er hatte etwas ganz Eigenes, eine eigene Ästhetik. Man erkennt die Gedichte von Werner Lutz sofort. Er war nicht derjenige, der analysierte, Dinge zerlegte, sie atomisierte – sondern er suchte Zusammenhänge. Er war ein Synästhetiker. Er wollte die unterschiedlichsten Sinne ansprechen. Das hört man schon seinen Buchtiteln an. Mir gefallen zum Beispiel: «Nelkenduftferkel» oder «Farbengetuschel». Man merkt diesen Titeln an, dass hier verschiedene Sinne zusammenkommen.

Er hat es immer wieder geschafft, aus den ganz alltäglichen Dingen Neues abzulesen, sie neu erfahrbar zu machen. Ein Beispiel, das ich nie vergessen werde: Werner Lutz hat nie von der Farbe «Blau» oder «Hellblau» gesprochen, für ihn war es «Kopfhochblau».

Hat seine Doppelbegabung, das Zusammenwirken von Sprache und Malerei, erst solche Wortschöpfungen möglich gemacht?

Er hat mir einmal gesagt, das Schreiben sei schon eine Plackerei, Farben seien für ihn dann manchmal wie ein Aufputschmittel. Insofern hat er beides gebraucht. Inwieweit das eine das andere befördert hat, kann ich nur vermuten. Wahrscheinlich war es schon die Abwechslung, das andere Medium, also einmal einen Pinsel und dann wieder einen Bleistift in der Hand zu haben. Das war wohl das Entscheidende. Es gibt von ihm viele Werke, die eine Kombination von Sprache und Malerei darstellen. Er hat Strukturen mit Farbe oder Tusch gemalt, und er hat in die Bilder Texte geschrieben.

Gab es Motive, die Werner Lutz besonders interessiert haben?

Werner Lutz war mit seinen Sinnen immer sehr offen. Was ihn aber sicher sehr fasziniert hat, ist die Natur. In seinem einzigen längeren Prosatext beschreibt er das erzählende Ich, es möchte lieber Natur sein als ein Kunstwerk. Es gehe darum, «hügelkonform» zu denken.

«Hügelkonform» denken – was meinte er damit?

Werner Lutz hat mir erzählt, dass dieses Bild aus seiner Kindheit komme. Er stammte aus einem kleinen Dorf im Appenzell, sozusagen aus den Hügeln. Diese Hügellandschaft hat ihn fürs Leben geprägt. Er hat immer wieder erzählt, dass er als Junge Brot ausgetragen hat und dabei zu Fuss über Kilometer und Kilometer durch diese Hügellandschaft gegangen ist.

Obwohl er lange in Basel gelebt hat, sind es die Naturbilder und die Naturereignisse, die ihn inspiriert haben. Ein schöner Platzregen zum Beispiel oder Licht, das durch das Grau durchschimmert. Bei solch alltäglichen Dingen konnte Werner Lutz einhaken und darüber ganz einzigartige Gedichte schreiben.

Ich glaube, das ist das Unerreichte, die Kunst, in dieser Einfachheit immer wieder einen anderen Blick zu finden. Er hatte die Fähigkeit, die Dinge immer wieder ein bisschen anders zu sehen. Er sagte einmal dazu, er suche so etwas wie einen 360-Grad-Kreis der Sinnlichkeit. Es sei fast wie eine Sucht für ihn, alle seine Sinne gleichzeitig zu befriedigen. Aus diesem Wunsch heraus, vielleicht sogar aus diesem Zwang, sind seine Texte entstanden.

Werner Lutz hat die Öffentlichkeit gescheut. Er lebte eher zurückgezogen, ähnlich wie der Schweizer Schriftsteller Markus Werner, der ebenfalls diesen Monat gestorben ist. Wissen Sie warum?

Er hat sich in grossen Menschenansammlungen nie richtig wohl gefühlt, es war ihm schnell zu laut. Er sagte mal: «Ich nehme schon am Leben teil, aber nicht in den Schuhen.» Werner Lutz hat sich aber nicht von der Welt abgewandt. Er war sehr informiert, hat sehr viel gelesen, vor allem Biografien. Er war also immer dabei, aber selten physisch vor Ort, obwohl: Lesungen genoss er immer sehr. Vor allem im hohen Alter, und dann gerne zusammen mit Musikern.

Er hat den 360-Grad-Kreis der Sinnlichkeit im Zusammenklang mit Musik, Malerei und Lyrik gesucht und gefunden. Man muss an dieser Stelle noch sagen, dass er zwei grosse Schaffensphasen hatte. In der ersten, bis Ende des 20. Jahrhunderts, wurde er immer knapper, das ging bis hin zu Einwortgedichten. Ab dem Jahr 2000 hat er sich aber nochmals völlig neu erfunden und längere Gedichte geschrieben – er liess das Reduzierte, Minimalistiche hinter sich.

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