Der mit 40'000 Franken dotierte Grand Prix Literatur geht in diesem Jahr an die französisch-schweizerische Schriftstellerin Corinne Desarzens. Die Jury spricht ihr den Preis zu «für die einzigartige Tiefe ihres Blicks, ihre umfassende, sehr vergnügliche Neugier und das Funkeln ihres Stils, aber auch für das unerwartete Glück, das sie uns beim Lesen immer wieder schenkt».
Knapp dreissig Romane, Essays und Reisetexte sind von Corinne Desarzens erschienen. Bis jetzt wurde aber keiner ihrer Texte ins Deutsche übersetzt. In der Deutschschweiz ist Desarzens' Werk darum nur wenigen bekannt. In ihrem neusten Buch «Le petit cheval tatar» spürt sie dem Sehsinn nach. Dabei untersucht sie anhand von Wissenschaft, Kunst und Geschichte die Spielereien und Kunstgriffe des Blicks.
Die Welt und das Zufällige
Desarzens Werk umfasse die Welt, so die Jury: So habe sie die Regeln der Autobiografie neu erfunden, indem sie sich nicht mit ihrem Ego, sondern mit dem Zufälligen befasse.
Wenn das Thema nicht das Ich sei, seien es die «Gespenster der Familiengeschichte, eine Zugreise von Lissabon nach Riga, ein italienisches Renaissance-Gemälde, ein Aufenthalt im Engadin, das Verhalten der Spinnen».
Corinne Desarzens erhielt 2021 bereits den Schweizer Literaturpreis und 2025 wurde sie mit dem Grand Prix C.F. Ramuz ausgezeichnet. Dass ihr Werk schwer fassbar ist, scheint ihr recht zu sein. Denn Etiketten möchte sie vermeiden, sagt die Schriftstellerin anlässlich der Auszeichnung mit dem Grand Prix Literatur. Dabei wird vor allem eines klar: Die 73-jährige Autorin ist eine Frau, die sich vor zu engen Rahmenbedingungen fürchtet, allergisch ist gegen vorgegebene Abläufe und unbeirrt ihren Weg geht.
Desarzens bezeichnet sich selbst als «tollpatschig» und bekennt sich zu einer «zusammenhangslosen», manchmal zu direkten Ausdrucksweise. «Ich habe ein Alter erreicht, in dem man sich endlich spontan ausdrücken kann.»
Werkpreise
Zusätzlich zum Grand Prix Literatur verleiht das BAK sieben Werkpreise an Schreibende aus allen Schweizer Sprachregionen, darunter Martina Clavadetscher, Nora Osagiobare und Jonas Lüscher.
Die Auszeichnungen werden am 15. Mai im Rahmen der Solothurner Literaturtage und in Anwesenheit von Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider vergeben.