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Grand Prix Literatur 2026 Höchster Schweizer Literaturpreis für Corinne Desarzens

In der Deutschschweiz ist die Autorin wenigen bekannt. Nun ehrt der Bund sie mit dem Grand Prix Literatur.

Der mit 40'000 Franken dotierte Grand Prix Literatur geht in diesem Jahr an die französisch-schweizerische Schriftstellerin Corinne Desarzens. Die Jury spricht ihr den Preis zu «für die einzigartige Tiefe ihres Blicks, ihre umfassende, sehr vergnügliche Neugier und das Funkeln ihres Stils, aber auch für das unerwartete Glück, das sie uns beim Lesen immer wieder schenkt».

Frau mit langen Haaren, lächelnd, im Freien.
Legende: Corinne Desarzens wurde 1952 in Sète (Frankreich) geboren. Heute lebt die Schriftstellerin in Onnens (VD). Sie ist auch als Journalistin und Übersetzerin tätig. KEYSTONE/EDDY MOTTAZ/LE TEMPS

Knapp dreissig Romane, Essays und Reisetexte sind von Corinne Desarzens erschienen. Bis jetzt wurde aber keiner ihrer Texte ins Deutsche übersetzt. In der Deutschschweiz ist Desarzens' Werk darum nur wenigen bekannt. In ihrem neusten Buch «Le petit cheval tatar» spürt sie dem Sehsinn nach. Dabei untersucht sie anhand von Wissenschaft, Kunst und Geschichte die Spielereien und Kunstgriffe des Blicks.

Die Welt und das Zufällige

Desarzens Werk umfasse die Welt, so die Jury: So habe sie die Regeln der Autobiografie neu erfunden, indem sie sich nicht mit ihrem Ego, sondern mit dem Zufälligen befasse.

Wenn das Thema nicht das Ich sei, seien es die «Gespenster der Familiengeschichte, eine Zugreise von Lissabon nach Riga, ein italienisches Renaissance-Gemälde, ein Aufenthalt im Engadin, das Verhalten der Spinnen».

Vier Fragen an Literaturprofessor Hunkeler

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Thomas Hunkeler ist Professor für französische Literatur an der Universität Freiburg und befasst sich unter anderem mit der Gegenwartsliteratur der Romandie.

SRF: Wodurch zeichnet sich das literarische Werk von Corinne Desarzens aus?

Thomas Hunkeler: Primär durch Neugier – für Menschen, für Länder und für Sprachen. Desarzens hat Russisch studiert und sogar Rätoromanisch gelernt. Sie ist eine Person, die sich für alles interessiert. Das führt zu Büchern, die vor Informationen strotzen. Ich würde sagen, dass es das typische Buch von Desarzens nicht gibt.

Die Jury des Grand Prix Literatur schreibt in der Laudatio, Corinne Desarzens zelebriere eine Virtuosität, die in der Literatur der Romandie selten ist. Wie beurteilen Sie diese Literatur innerhalb der französischsprachigen Schweiz?

Desarzens ist sehr eloquent, und das ist in der Westschweiz manchmal ein bisschen suspekt. Sie sprudelt förmlich in ihren Werken, das ist sehr untypisch. Die Literatur in der Romande definiert sich hingegen gerne über die Innerlichkeit und über einen «Diskurs in der Enge», wie Paul Nizon es genannt hat.

Bis jetzt wurde noch kein Buch von Corinne Desarzens ins Deutsche übersetzt. Warum nicht?

Das ist schwer zu sagen. Vielleicht weil so viele Sprachen in ihre Bücher einfliessen und es schwierig ist, einen so polyphonen Text nochmal zu übersetzen. Etwas kritischer könnte man auch sagen, dass sie noch nicht übersetzt wurde, weil sie alles andere als eine stromlinienförmige Erzählerin ist. Über eines ihrer Werke schreibt ihr Verlag, dieses Buch sei kein Buch, sondern ein Koffer. Wer also Freude daran hat, in einem Koffer zu wühlen und zu schauen, was da alles drin sein könnte, sollte ein Buch von Desarzens lesen. Da reichen auch nur Auszüge, um eine Idee zu bekommen von der Verspieltheit und der Intelligenz dieser Autorin.

Welches Buch können Sie als Einstieg in Desarzens Werk empfehlen?

Für das Deutschschweizer Publikum empfehle ich «La lune bouge lentement mais elle traverse la ville», weil man mit diesem Buch in Corinne Desarzens Leidenschaft für die Sprache eintaucht. Darin gibt es Kapitel zu allen möglichen Sprachen dieser Welt, auch zur Deutschschweizer Mundart.

Das Gespräch führte Tim Felchlin.

Corinne Desarzens erhielt 2021 bereits den Schweizer Literaturpreis und 2025 wurde sie mit dem Grand Prix C.F. Ramuz ausgezeichnet. Dass ihr Werk schwer fassbar ist, scheint ihr recht zu sein. Denn Etiketten möchte sie vermeiden, sagt die Schriftstellerin anlässlich der Auszeichnung mit dem Grand Prix Literatur. Dabei wird vor allem eines klar: Die 73-jährige Autorin ist eine Frau, die sich vor zu engen Rahmenbedingungen fürchtet, allergisch ist gegen vorgegebene Abläufe und unbeirrt ihren Weg geht.

Desarzens bezeichnet sich selbst als «tollpatschig» und bekennt sich zu einer «zusammenhangslosen», manchmal zu direkten Ausdrucksweise. «Ich habe ein Alter erreicht, in dem man sich endlich spontan ausdrücken kann.»

Werkpreise

Zusätzlich zum Grand Prix Literatur verleiht das BAK sieben Werkpreise an Schreibende aus allen Schweizer Sprachregionen, darunter Martina Clavadetscher, Nora Osagiobare und Jonas Lüscher.

Die Auszeichnungen werden am 15. Mai im Rahmen der Solothurner Literaturtage und in Anwesenheit von Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider vergeben.

Die weiteren Literaturpreise 2026 des Bundesamtes für Kultur

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Der mit 40'000 Franken dotierte Spezialpreis Übersetzung geht an Christian Viredaz. Der Waadtländer ist Journalist, Literaturkritiker, Dichter und hat als Übersetzer zahlreiche italienischsprachigen Texte ins Französische übertragen. Damit hat er dem französischsprachi­gen Publikum zahlreiche Tessiner und italienische Autorinnen und Autoren nähergebracht. Viredaz ist auch als Mentor für junge Litera­turübersetzerinnen und -übersetzer tätig und lebt in Les Rasses (VD).

Ausserdem zeichnet die eidgenössische Jury für Literatur folgende im vergangenen Jahr erschienenen Werke mit einem Schweizer Literaturpreis aus:

  • Martina Clavadetscher: «Die Schrecken der anderen», C.H. Beck.
  • Begoña Feijoo Fariña: «Come onde di passaggio», Gabriele Capelli Editore.
  • Asa Hendry: «archiv», Chasa Editura Rumantscha.
  • Jonas Lüscher: «Verzauberte Vorbestimmung», Carl Hanser Verlag.
  • Sandro Marcacci: «Me taire», ditions d’en-bas.
  • Nora Osagiobare: «Daily Soap», Kein & Aber.
  • Antoine Rubin: «Calcaires», ditions La Veilleuse.

Diese Preise sind mit je 25’000 Franken dotiert.

SRF 4 News, 10:00 Uhr ; 

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