Jürg Schubiger, ein im besten Sinne kindlicher Schriftsteller

Ein Stein, der atmet, ein Baum mit riesigen Äpfeln, oder ein Kleid, in dem man wohnen kann: Oft sind es diese merkwürdigen Veränderungen des Alltäglichen, die Jürg Schubigers Geschichten ausmachen. Der Zürcher Schriftsteller und Psychologe ist im Alter von 77 Jahren gestorben.

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Bildlegende: Jürg Schubiger unterschied nicht strikt zwischen Kinder- und Erwachsenenliteratur. Imago Stock

Am Beginn des literarischen Schaffens von Jürg Schubiger stehen Gelegenheitstexte. Reiseberichte etwa aus Korsika oder dem Tessin, wo er sich länger aufhält, dazu Geschichten und Märchen, die er auf seinen Reisen aufschnappt. Ein erster literarischer Erfolg gelingt ihm Anfang der 1970er-Jahre mit der Geschichtensammlung «Die vorgezeigten Dinge», wofür Schubigers Schriftstellerfreund Franz Hohler das Vorwort schreibt.

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Buchhinweise

  • «Nicht schwindelfrei», Roman. Haymon, 2014.
  • «Die kleine Liebe», Roman. Haymon, 2008.
  • «Als die Welt noch jung war und die anderen Geschichten», Bilderbuch. Beltz & Gelberg, 2011.
  • «Hin- und Hergeschichten», mit Franz Hohler. Nagel & Kimche, 1986

Ein Autor für Kinder und Erwachsene

Schubiger schreibt eigentlich für Erwachsene, doch erkennt sein Verleger das Potential der Geschichten für die Kinder- und Jugendliteratur. Und so beginnt Jürg Schubiger auch für Kinder zu schreiben. Der Durchbruch im Kinder- und Jugendliteraturbereich gelingt ihm 1996 mit «Als die Welt noch jung war».

Eine strickte Trennung zwischen Kinder- und Erwachsenenliteratur macht Jürg Schubiger nicht. Es geht mehr darum, die richtige Sprache fürs richtige Publikum zu finden, «in der richtigen Landschaft zu sein», wie er in einem Interview mit SRF einmal sagt.

Vom Psychologen zum Schriftsteller

Geboren wird Jürg Schubiger 1936 in Zürich. Er studiert Germanistik, Psychologie und Philosophie und schreibt seine Dissertation über Franz Kafka. Danach arbeitet er im pädagogischen Verlag seines Vaters und ab 1979 hauptsächlich als Psychologe mit eigener Praxis. Das Schreiben wird erst später zu seinem Hauptberuf.

Trotzdem hinterlässt er ein umfangreiches Werk, das hauptsächlich aus Geschichtensammlungen besteht. Dazu Bilderbücher, Erzählungen und Nacherzählungen klassischer Stoffe. So gibt es eine Version des «Don Quijote» und eine schweizerdeutsche Fassung des «Struwwelpeter». Ausserdem hat er vier Romane veröffentlicht. Der letzte, «Nicht schwindelfrei», über einen alten Mann mit Gedächtnisverlust, stammt aus dem vergangenen Frühjahr.

Hin und her mit Franz Hohler

Bekannt sind auch die «Hin- und Hergeschichten», die er 1986 mit Franz Hohler zusammen schreibt. Ein literarisches Spiel, bei dem der eine Autor eine Geschichte schreibt, die dann vom anderen Autor mit einer weiteren Geschichte beantwortet wird und so weiter.

Am 16. September ist Jürg Schubiger nach langer Krankheit gestorben. Damit verliert die Schweizer Literatur eine im besten Sinne kindliche Sichtweise auf die Welt.

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