«Kanderschlucht», ein Krimi über Menschenversuche im Kalten Krieg

Peter Beutler zeichnet in «Kanderschlucht» ein kritisches Bild der Schweizer Armee während des Kalten Krieges. Zu heiss war die Geschichte einem Wirt, er sagte kurzfristig die Vernissage in seinem Restaurant ab. Es geht um eine Mordserie an Prostituierten und darum, was das Militär damit zu tun hat.

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Bildlegende: Autor Peter Beutler in der Kanderschlucht, am Zusammenfluss von Kander und Simme. ZVG

Peter Beutler hat ein besonderes Hobby: Seit seiner Pensionierung als Chemielehrer an einem Luzerner Gymnasium schreibt er Krimis. Und lässt sich dafür von der Schweizer Realität inspirieren. In «Weissenau» arbeitete er den schockierenden Fall von «Marcel A.» auf, einem jungen Mann, der in Interlaken in rechtsradikale Kreise rutschte und von seinen Clan-Kollegen brutal umgebracht wurde. Oder in «Hohle Gasse» durchleuchtete er dubiose Machenschaften der Luzerner Polizei.

Kritischer Zeitgenosse

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Buchhinweis

Peter Beutler: «Kanderschlucht.» Emons Verlag, 2013.

Mehr als einmal hat Peter Beutler schon Drohungen einstecken müssen, er solle lieber die Finger von solchen brisanten Themen lassen. Aber der Berner mag den Widerspruch: Schon in seiner Amtszeit als SP-Grossrat im Kanton Luzern galt er als einer, der unliebsame Dinge zur Sprache bringt und sich nicht scheut, mit seiner Meinung anzuecken.

So auch in «Kanderschlucht». In seinem neuen Krimi wagt sich Peter Beutler in heikles Gelände vor: Er thematisiert die Schweiz im Kalten Krieg. Anfang der 50er-Jahre muss sich Wachtmeister Michael Bärtschi von der Kantonspolizei Bern mit einer Mordserie an Prostituierten auseinandersetzen. Weil in der Nähe der Tatorte mehrmals Armeejeeps gesichtet wurden, wird auch die Militärjustiz involviert: Bärtschi zur Seite arbeitet Hauptmann Max Schmocker. Die beiden recherchieren hartnäckig und realisieren schon bald, dass die Frauen nicht Opfer eines Sexualdelikts waren, sondern aus anderen Gründen getötet wurden. Die Spur führt zu einem geheimen Forschungsbunker, in dem zu militärischen Zwecken illegale Drogenexperimente an «Freiwilligen» durchgeführt werden.

Arroganz der hohen Militärs

Als Berufs-Chemiker kennt sich Peter Beutler in der Materie der chemischen Waffen und narkotisierenden Substanzen bestens aus, was dem Buch zusätzliche Authentizität verleiht: Dazu Peter Beutler: «Es wäre naiv zu glauben, dass solche Versuche an Menschen nicht gemacht wurden. Vielleicht nicht direkt in der Schweiz, aber wir wissen alle, dass unsere Armee geheime Verbindungen mit dem Apartheit-Regime in Südafrika gepflegt hat.»

Neben diesem spannenden Kriminalfall thematisiert Peter Beutler auch die Arroganz der hochgradigen Militärs, die sich allmächtig und unangreifbar fühlen. Und die meinen, im Dienste des Vaterlandes seien auch verbrecherische Taten gerechtfertigt. Gleichzeitig lässt der Autor die Bildung von Schatten-Armeen aufleben und erinnert damit an die P-26- und P-27-Skandale, die Anfang der 90er-Jahre die Schweiz erschüttert haben.

«Kommunist» als Schimpfwort

Das Thema Militär trägt Peter Beutler schon lange mit sich herum. Geboren 1942 in Zwieselberg bei Spiez, war er als Junge viel in den Wäldern entlang der Kander und Simme herumgestreunt und hatte sich daran gewöhnt, dass es dort von Soldaten nur so wimmelte. Regelmässig wurden in der Gegend Militärübungen abgehalten; man wusste von geheimen Munitionsbunkern und hörte oft die Gewehr-und Pistolensalven diverser Schiessplätze. Und schon damals befand sich im nahegelegenen Wimmis das mittlerweile weltbekannte AC-Laboratorium der Schweizer Armee.

Er sei in der Atmosphäre des Kalten Krieges aufgewachsen, sagt Peter Beutler und erinnert sich noch heute an die Angst der Bevölkerung vor dem russischen Feind: «‹Kommunist› war ein Schimpfwort, das gleichbedeutend war mit dem Teufel». Er sei ein kritischer Jugendlicher gewesen und habe immer wieder diese Feindbilder der Erwachsenen hinterfragt. Dafür sei er mehr als einmal mit einem «Chlapf» bestraft worden.

Später erfuhr dann Soldat Beutler am eigenen Leibe, wie er betont, die «Restriktionen der Offiziere»: «Ich habe die Hälfte meiner militiärischen Ausbildungszeit als «Fassmann» verbracht; das ist jener, der am Morgen das Frühstück auftischt und deshalb immer früher als die Kollegen aus dem Bett muss.»

Vernissage wurde verschoben

Dennoch: «Kanderschlucht» sei keine General-Abrechnung mit dem Schweizer Militär, betont Peter Beutler. Aber mehr als reine Unterhaltung wolle er mit seinen Büchern schon vermitteln. «Ich finde es unmoralisch, wenn man – um sich selber zu schützen – menschenverachtende Aktionen durchführt auf Kosten der Schwächeren. Das ist nicht tolerierbar. Davon handelt diese Geschichte.

Peter Beutler hat offensichtlich einen Nerv getroffen. Die Vernissage des Buches in Kandersteg musste kurzfristig in ein anderes Restaurant verschoben werden, weil dem Wirt des ursprünglich geplanten Veranstaltungsortes die Story plötzlich zu heiss war.

Dem Erfolg des Buches tut der brisante Inhalt kein Abbruch. Im Gegenteil: Dem Publikum gefällt es, «Kanderschlucht» steht bereits auf der Taschenbuch-Bestseller-Liste.

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