Musikalische Lesung Michael Fehr: Der Berner Erzähler macht Texte zu Musik

Der Berner Erzähler Michael Fehr ist ein Mann der leisen Töne. Auf der Bühne entdeckt er nun einen Wesenszug, der ihm selbst noch fremd ist.

Ein Porträt von Michael Fehr. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Er zeichnet Texte akustisch auf: Schriftsteller und und Spoken-Word-Künstler Michael Fehr. Affolter/Savolainen

Er steht auf der Bühne und lächelt. In den Händen hält er seinen neuen Erzählband «Glanz und Schatten». Das Publikum schaut gebannt nach vorne. Die zweihundert Menschen wissen, hier im Zürcher Kaufleuten geschieht gleich etwas, was sich nicht fassen lässt: Weil es sich nicht einordnen lässt. Weil es radikal und von einer unvergleichlichen Kraft ist.

«Jetzt kann ich einmal so tun, als könnte ich lesen», lacht Michael Fehr, hält sich das aufgeschlagene Buch vor sein Gesicht und klappt es sofort wieder zu.

Er spricht und singt und tanz

Er begrüsst seine drei Musiker. Manuel Troller an der Gitarre, Andi Schnellmann am Bass und Julian Sartorius am Schlagzeug. Hier arbeiten die Besten zusammen. Präzise, hingegeben und derart konzentriert, wie es der Besucher von Kulturveranstaltungen kaum noch kennt.

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Zur Person

Zur Person

Franco Tettamanti

Michael Fehr ist der Shootingstar der Schweizer Literaturszene. «Kurz vor der Erlösung» (2013), «Simeliberg» (2015) und «Glanz und Schatten» (2017) sind die Buchpublikationen des Berner Erzählers. Zusammen mit dem Gitarristen und Komponisten Manuel Troller werden aus seinen Geschichten musikalische Ereignisse.

Michael Fehr spricht, singt und er tanzt anmutig. Aus dem schmalen Männerkörper bricht eine Stimme heraus, die sich nicht zurücknimmt, die archaisch und ungestüm ist.

Der Text, auf die Bühne übersetzt

Die Fehr-Leser werden gefordert, viele überfordert. «Glanz und Schatten» kommt wie sein zuletzt erschienener, viel beachteter und mit dem Kelag-Preis ausgezeichneter Prosatext «Simeliberg» (2015), ganz ohne Interpunktion aus. Für Michael Fehr ist der gedruckte Text die Partitur für die Bühne.

Er erzählt, dass seine Texte gleich funktionieren, wie die Geschichten in Kulturen, die mündliche Tradition noch pflegen. «Geschichten, die archaisch erscheinen, reden von Empfindungen, die für alle nachvollziehbar sind. Ich habe die Hoffnung, dass über solche Empfindungen ein Verständnis einer Gemeinschaftlichkeit einkehrt.»

So erstaunt es nicht, dass wir auf Märchenpersonal treffen. Der Teufel, der Koch, die Schlange, der alter Mann. Alle typisiert, nicht psychologisch-individuell. Und die Diminutive, die sich so harmlos geben, lassen einen fast verpassen, wie grausam es da wirklich zugeht.

Da ist er, der Schalk des Berners

«Ich bin ein Blöffer!» sagt Fehr. Ein Satz, den man kaum mit dem charmanten, unprätentiösen und zugewandten Berner zusammenbringt.

«Mir sagen meine Bücher nichts.»

4:15 min, aus 10vor10 vom 13.3.2017

«Wenn sich eine Gesellschaft Mangelwesen wie mich leistet, dann stehe ich in der Schuld dieser zivilisierten Gesellschaft. Wenn ich aber auf die Bühne gehe und nicht im klassischen Sinne schön bin, weil meine Augen eine Abartigkeit sind, dann kommt dieses Schuldgefühl zurück, dass ich mich eigentlich verstecken müsste.» Dieser Satz geht tief.

«Ich finde vielleicht ich bin ein Blöffer, aber dann sagt die andere Seite von mir, selbst wenn. Ich würde mich sogar dafür entschuldigen, aber ich mache es jetzt trotzdem!» Und da ist er wieder, der Schalk des Berners. Er soll sich zumuten, er muss sogar. Die Schweizer Literaturszene bekommt so ihren wohl eindrücklichsten und begabtesten Künstler der Stunde.

Sendung: Radio SRF 12 Kultur, Kultur kompakt, 29.04.2017, 12.10 Uhr