Knapp acht Seiten ist er lang, in hübscher kursiver Handschrift und mit schwarzer Tinte geschrieben: jener Aufsatz, der für den Präsidenten der Max Frisch-Stiftung, Thomas Strässle, «eine kleine literaturgeschichtliche Sensation» ist.
«Er ist nicht nur das älteste handschriftliche Manuskript, das von Max Frisch erhalten ist, sondern geht auch hinter eine Phase zurück, in der Frisch fast alles Geschriebene vernichtet hat», so Strässle.
1937 hatte Max Frisch mit dem Schriftstellerberuf eigentlich bereits abgeschlossen und nahezu alle bisherigen Texte verbrannt. Der Maturaufsatz war sieben Jahre zuvor entstanden – zu einer Zeit, als Frisch als Jugendlicher schon erste Theaterstücke geschrieben hatte.
«Wäre ich eine Autorität»
Frischs literarische Ambitionen zeigen sich auch in seinem Maturaufsatz – schon der Anfang deutet darauf hin: «Wäre ich eine Autorität, hätte mein Name schon den Klang, der die Leute aufhorchen lässt, hätten meine Worte die suggestive Kraft einer ernstgenommenen Persönlichkeit […]»
«Der junge Max Frisch Frisch nimmt hier vorweg, was später tatsächlich eintraf», sagt Strässle. Schon als Maturand schien die spätere Instanz Max Frisch ein selbstüberzeugter Charakter gewesen zu sein.
Ganz schön polemisch
In seinem Maturaufsatz von 1930 stellte sich Max Frisch die Frage nach den «Licht- und Schattenseiten der modernen Technik». Das Thema war vermutlich vorgegeben.
Je klarer und logischer wir denken, desto rascher erkennen wir die bodenlose Stumpfsinnigkeit unseres Daseins.
Frischs Stellungnahme dazu fiel geradezu polemisch aus: «Vom Standpunkt des Glücks aus beurteilt ist die Technik abzulehnen», befand der Gymnasiast. Die Technik, von «Vollblutdummköpfen mit Kultur identifiziert», schenke zwar Zeit, mit dieser wisse der moderne Mensch aber nichts anderes anzufangen, als «über allen Teufelskram nachzudenken». «Je klarer und logischer wir denken, desto rascher erkennen wir die bodenlose Stumpfsinnigkeit unseres Daseins.»
Ein bemerkenswert pessimistisches Fazit. Ob der spätere Max Frisch diesem Geschichtsbild noch zugestimmt hätte? – «Sicher nicht mehr in diesem Tonfall», ist sich Thomas Strässle sicher. «Einiges strotzt von jugendlichem Ungestüm, aber das Thema Technik hat auch den späteren Max Frisch beschäftigt.»
Strässle verweist vor allem auf den Roman «Homo Faber», in dem der Glaube an die Technik in die Tragödie führt, und auf einen spät entstandenen Fragebogen, in dem Frisch das Verhältnis des Menschen zur Technik kritisch befragt.
Zwischen Frühreife und Welpenschutz
Auch im Sprachduktus des Gymnasiasten Frisch erkennt Literaturwissenschaftler Thomas Strässle Merkmale des späteren Schriftstellers: Bei Frisch sei nichts überflüssig, «alles reduziert aufs Maximum». Diese Klarheit sei im Schulaufsatz bereits angelegt.
Als literarisches Werk dürfe man die Arbeit aber nicht lesen, relativiert Strässle. «Frisch hat diesen Text als 19-Jähriger geschrieben und man erinnere sich, wie man selbst in diesem Alter so drauf war.»
Auch einem Max Frisch steht Welpenschutz zu – und wenn der Maturand am Ende seiner Erörterung einräumt, es fehle ihm an «Zeit und Lust» zur Vollständigkeit, hat das unfreiwillige Komik.
Bemerkenswert souverän war hingegen Frischs Rechtschreibung; lediglich ein paar Kommafehler strich sein Deutschlehrer an. Stil und Inhalt überzeugten ihn aber offenbar nur mässig: Für den Aufsatz erhielt Frisch die Note 4–5.