Pedro Lenz' wundersame Geschichte eines Emmentaler Hochstaplers

Autor Pedro Lenz hat mit «I bi meh aus eine» die wundersame, aber wahre Geschichte des Hochstaplers Peter Wingeier aus dem Emmental aufgeschrieben. Der Schweizer wanderte im 19. Jahrhundert nach Argentinien aus, nahm eine falsche Identität als Arzt an und gründete sein eigenes Dorf «Romang».

Dass der Arzt und Gründervater Theophil Romang eigentlich Peter Wingeier hiess, ein erfolgloser Uhrenfabrikant war und aus dem emmentalischen Trubschachen fliehen musste, weil er sich an der Mündelkasse vergriffen hatte, das hat in Romang nie eine Rolle gespielt.

Ebensowenig, dass Wingeier die Identität des Langnauer Arztes Theophil Romang annahm, nachdem dieser auf der Schiffsüberfahrt gestorben war. In der Schweiz ein Krimineller, in Argentinien ein verdienstvoller Dorfkönig: Das ist der historisch verbürgte Stoff, von dem die Geschichte «I bi meh aus eine» lebt. Das Leben des Peter Wingeier alias Theophil Romang braucht keine künstliche Dramatisierung und keine herzzerreissende Liebesgeschichte, um zu beeindrucken. Aus den wenigen überlieferten Fakten formt Lenz eine zutiefst menschliche Geschichte, ohne den schwierigen Charakter seiner Hauptfigur zu beschönigen.

Recherche im argentinischen Dorf Romang

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Buch- und CD-Hinweis

Pedro Lenz: «I bi meh aus eine. Die bemerkenswerte Geschichte eines Emmentaler Siedlers.» Cosmos-Verlag 2013 (Buch)

Pedro Lenz: «I bi meh aus eine.» Am Piano Patrik Neuhaus. Cosmos-Verlag 2013 (CD)

Autor Pedro Lenz hat das Dorf Romang besucht, die argentinische Weite, die er liebevoll und staunend beschreibt, selber gefühlt und wurde von den Nachfahren der Schweizer Auswanderer begeistert empfangen. Sie erzählten ihm die Geschichte ihres Gründervaters, gaben ihm Briefe, Dokumente, zeigten ihm die Originalhäuser der Gründerzeit und auch das Denkmal mit der Inschrift «El Pueblo de Romang a su Fundador Dr. Teófilo Romang 23 de abril de 1873».

Sehnsuchtsort Buenos Aires

Das Leben dieses «Dr. Teófilo Romang» lässt Pedro Lenz aufblühen – aus der Sicht des Sohnes August Romang. Im Jahr 1913 erzählt August die Geschichte seines Vaters einem Schweizer Journalisten, den er zufällig in Buenos Aires trifft. Rührende und spassige Szenen reihen sich aneinander: Wie sich Peter Wingeier als Theophil Romang in der Schweizer Kolonie San Carlos anmeldet und von einem auf den anderen Tag praktizierender Arzt wird – und wie das überhaupt klappen kann: «Weisch, wenn du plötzlech und unverhofft vom Uhrefabrikant zum Dokter wirsch, de muesch nid aus Erschts grad Medizin wöue studiere, nei, de muesch aus Erschts grad lehre, wi sech e Dokter verhautet.»

Der Komplize aus der Heimat

Wie ihm ein anderer Auswanderer aus der alten Heimat auf die Schliche kommt – und nach einem harten Wortgefecht sein Freund und Assistent wird. Wie die beiden weiterziehen ins Dorf Helvecia, später ihr eigenes Dorf Romang gründen. Wie der Sohn, August Wingeier, als 14-Jähriger aus dem Emmental anreist und seinem Vater zum ersten Mal bewusst begegnet. Wie dieser August in Buenos Aires studiert, Fürsprecher und Notar wird und nicht mehr zurück ins Dorf Romang will. Wie dieser Sohn nach dem Tod des Vaters fast ums Erbe kommt, weil er noch immer Wingeier heisst. Und wie er zuletzt in Trubschachen auch die alten Schulden des Vaters begleichen kann.

Die Geschichte eines schwierigen Charakters

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Das Duo «Hohe Stirnen»

Das Duo «Hohe Stirnen»

Das Duo «Hohe Stirnen» macht aus der Geschichte ein abendfüllendes Live-Erlebnis mit Erzählpassagen und Liedern. Pedro Lenz balsamiert die Zuschauer mit seiner warmen Stimme ein und hypnotisiert sie gleichsam. Pianist Patrik Neuhaus gibt leise den Tango dazu. Es ist bereits das fünfte Programm des Duos.

Es ist eine runde Geschichte über einen Mann, den man nicht unbedingt liebt. Peter Wingeier hat aus der Not seines Lebens eine Tugend gemacht, hat seine Frau im Stich gelassen und sein persönliches Glück gefunden. «Menschliche Defekte» habe er sicher gehabt, sinniert Pedro Lenz, «er wollte auf grösserem Fuss leben, als ihm zustand». Die helfende Hand, die ihm das Schicksal reichte, habe er aber entschlossen gepackt.

Theophil Romang erscheint wie der Nachfahre des Baselbieters Johann August Sutter, des berühmten «Kaisers von Kalifornien». Dieser war eine Generation vor ihm ebenfalls aus der Schweiz geflohen und in Kalifornien reich und mächtig geworden, bevor die Menschenmassen während des Goldrauschs 1848 sein Land überrannten und er deshalb vollständig verarmte. Romang buk kleinere Brötchen: Ihm «gehörte» nur ein Dorf in Argentinien, aber dieses verschaffte ihm bescheidenen Wohlstand und regionale Bedeutung.

Gelungener Identitätswechsel

Romang hatte auch mehr Glück als die Gruppe von Ostschweizer Auswanderern, die 1855 nach Ibicaba in Brasilien reiste und dort mit Krankheit und Armut kämpfte. Deren Geschichte hat Eveline Hasler im Roman «Ibicaba. Das Paradies in den Köpfen» nacherzählt und sich dabei stark auf historische Dokumente gestützt. Pedro Lenz ist freier im Erzählen. Er legt das inhaltliche Gewicht auf urschweizerische Themen wie Fernweh, Flucht aus der Enge, Neustart im Leben, Heimweh.

Auch der Identitätswechsel von Peter Wingeier zu Theophil Romang ist keine literarische Novität: Im Gegensatz zum berühmten Vorbild «Stiller» von Max Frisch gelingt Peter Wingeier sein Neustart. Nie mehr muss er sich rechtfertigen für die Vergangenheit, muss sich weder den Behörden im Emmental noch den Vorwürfen seiner allein gelassenen Frau stellen. Umschifft diese Lebensgeschichte einfach die grossen moralischen Fragen? Pedro Lenz: «Wingeier hat einfach gehandelt, hat die Gelegenheiten gepackt, die ihm geboten wurden. Aber seine Träume oder Alpträume kennen wir ja nicht.»

Pedro Lenz, der Menschenfreund

Pedro Lenz zeigt sich in seinen Geschichten oft als unverbesserlicher Menschenfreund. Er zeichnet bodenständige, grundgütige Charaktere, «liebi Sieche» allesamt – auch wenn es windige Typen sind wie Peter Wingeier. Vielleicht präpariert uns Lenz die Welt harmonischer, als sie tatsächlich ist.

Aber wer lässt sich nicht gern verführen zur Illusion, dass in jedem Menschen das Gute lebt? Wer hier nicht sentimental wird, wird es nirgends.

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