Zum 250. Geburtstag von Jean Paul

Der Schriftsteller Jean Paul stand in Bayreuth schon immer im Schatten Richard Wagners. In diesem Jahr – dem grossen Wagner-Jahr – wäre er 250 Jahre alt geworden. Doch trotz Wagner-Rummel hat Bayreuth seinen Schriftsteller Jean Paul nicht vergessen.

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Bildlegende: Das Jean-Paul-Denkmal in Bayreuth. Wikimedia

Eine zeitgenössische Karikatur sah ihn so: Jean Paul ist jener Schriftsteller, der von sich selbst einen Steckbrief schreibt – für den Fall, dass er sich in seinen eigenen Romanen verirrt. Und Richard Wagner meinte, Deutscher zu sein sei herrlich, wenn man nur genügend «Gemüt, Jean Paul und bayrisches Bier» habe. Beides deutet an, wofür Jean Paul einst berühmt war: Seine Romane zeichnen sich ebenso durch ihre exzessive Länge aus wie durch ihren Überschwang an Gefühlen. Diese gelten vor allem der Natur und Gott, der Freundschaft und der Liebe.

Das sprach damals besonders die Damen der besseren Gesellschaft an: Sie waren hin und weg von Jean Pauls Roman «Hesperus» von 1795 – ein Hit der Zeit wie etwas früher Goethes «Werther». Goethe allerdings konnte nur den Kopf schütteln über so viel Aufwand an Gefühl und Tinte. Und auch an Bier: Denn ziemlich gezielt setzte Jean Paul für seine Schreibarbeit Wein und Bier ein; sie brachten ihn in die richtige Stimmung. Wobei es übrigens nach Möglichkeit Bayreuther Bier sein musste.

Überquellendes Schreibzimmer

In Bayreuth hat Jean Paul sein eigenes Museum; auf den runden Geburtstag hin wurde es soeben neu konzipiert. Es liegt in nächster Nähe zu Wagners Villa «Wahnfried» und ist ausgerechnet im ehemaligen Haus des Wagner-Freundes und Proto-Nazis Houston Steward Chamberlain untergebracht. Hier wirft man einen Blick in das von Materialien überquellende Schreibzimmer des Dichters, das auch den Charakter seiner Romane widerspiegelt. Briefe und Erstausgaben dokumentieren in thematischen Kapiteln einige wichtige Themen aus Jean Pauls Biographie und Büchern. Das sind die Freunde und die Freundschaft, die Frauen und die Liebe, die Zeitgenossen (geliebte und ungeliebte) und natürlich Bayreuth, von dem Jean Paul meinte, es sei doch schade, dass in dieser schönen Stadt allzu viele Bayreuther wohnten.

Bestseller von 1795

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Bildlegende: Jean Paul schrieb über Freunde und die Freundschaft, Frauen und die Liebe und natürlich über Bayreuth. Wikimedia

In der fränkischen Kleinstadt lebt der Dichter ab 1804 bis zu seinem Tod 1825. Geboren wird er 1763 in Wunsiedel als Johann Paul Friedrich Richter. Obwohl er Theologie in Leipzig studieren soll, entschliesst sich der 20-Jährige zu einer Laufbahn als freier Schriftsteller; aus Verehrung für Jean-Jacques Rousseau nimmt er das Pseudonym Jean Paul an.

Ein Leben mit permanenten Schulden ist vorerst die Folge, er muss vor Gläubigern aus Leipzig flüchten und nimmt Stellen als Hauslehrer an. Der Erfolg des Romans «Hesperus» bringt dann aber eine gewisse finanzielle Absicherung mit sich: Wie es damals Brauch ist, wird der plötzlich populäre Autor mit Geschenken und Zuwendungen aller Art überhäuft. Mode und Medizin reagieren ebenfalls auf den Roman, mit Jean-Paul-Überröcken und mit einem «Hesperus»-Pulver gegen Blähungen. Kritik hat nur die Fachpresse anzubringen: «Es wird doch fast zu viel in diesem Buch geweint», meinte ein Rezensent.

Gedämpfte Kartoffeln und Bier

Auch spätere Bücher Jean Pauls – darunter die grossen Romane «Siebenkäs», «Titan» und «Flegeljahre» – haben Erfolg, doch keines wird mehr so zum Bestseller wie «Hesperus». Der Autor schreibt und publiziert sie in schneller Folge. In der Bayreuther Zeit entstehen die meisten Texte in der «Rollwenzelei».

Dieses Landgasthaus vor der Stadt wird damals vom Ehepaar Friedrich und Anna Dorothea Rollwenzel bewirtschaftet. Besonders mit der Hausherrin versteht sich der Dichter sehr gut. Am besten versteht sich Jean Paul, der erst im Alter von 38 Jahren die Berlinerin Karoline Mayer heiratet, mit Frauen, die von ihm nichts als Freundschaft wollen. In der Rollwenzelei wird dem Dichter ein einfaches Zimmer eingerichtet, und immer steht für ihn ein Topf mit gedämpften Kartoffeln und natürlich Bier bereit.

Ein 200 Kilometer langer Jean Paul-Weg

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Bildlegende: In der Bayreuther Zeit entstehen die meisten Texte Jean Pauls im Landgasthaus «Rollwenzelei». Wikimedia

In der Rollwenzelei wurde für das runde Geburtsjahr die schlichte Arbeitsstube wieder so eingerichtet, wie sie Jean Paul damals hatte. Sie ist eine der 161 Stationen des Jean Paul-Wegs in Oberfranken. Er führt von Hof über Wunsiedel durch die Stadt Bayreuth zum Schloss Sanspareil im Fichtelgebirge. Mit 200 Kilometern Länge – und damit auch Jean Pauls Riesenromanen entsprechend – ist dies der bis heute längste Literaturwanderweg. Er informiert mit unzähligen Texttafeln, Stationen und Gedenkstätten über all die Themen in Jean Pauls Büchern, Briefen und Biographie. 40 Kilometer lange Tagesmärsche, wie der Dichter sie damals unternahm, werden den heutigen Literatur- und Landschafts-Interessierten aber nicht abverlangt.

Der Weg führt durch die fränkische Landschaft, durch Dörfer und Städte, an vier Schlössern vorbei und auch durch den Park von Schloss Fantaisie. Dort liess Herzog Alexander von Württemberg dem Dichter noch zu Lebzeiten einen Gedenkstein setzen, und auch Ludwig I. von Bayern stiftete dem Dichter zu Lebzeiten ein Denkmal. Die Begeisterung auch adliger Kreise für Jean Paul darf allerdings nicht darüber hinweg täuschen, dass der Autor einer der schärfsten Kritiker der Zustände seiner Zeit war, von Nationalismus, sozialer Ungerechtigkeit, Kriegstreiberei.

Kritik an der Welt der Aristokratie

Gerade auch die Emotionalität seiner bürgerlichen und kleinbürgerlichen Figuren ist eine Kritik an der in Konventionen erstarrten Welt der Aristokratie. Wobei der Dichter von Konventionen aller Art sowieso wenig hielt. Gern ging er etwa mit einem Papagei auf der Schulter spazieren. Auf befremdete Reaktionen pflegte er zu erklären: «Er beisst nicht und pisst nicht».

So sind auch Jean Pauls Texte voll von unkonventionellen Ansichten und scharfsichtigen Beobachtungen, von Ironie und Satire, von Schrulligem und Groteskem, von Anspielungen und Doppelbödigem aller Art. Das macht den Reiz – und heute auch etwas die Schwierigkeit – seiner Texte aus, wie der Jean Paul-Bewunderer Peter Bichsel in seinem Nachwort zum «Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz» aufzeigt. Es sind denn auch die kurzen Erzählungen wie diese – darunter «Dr. Katzenbergers Badereise» oder «Luftschiffer Gianozzo» – die sich zum Einstieg in Jean Pauls Werk eignen. An die Marathon-Wanderungen der Romane kann man sich später machen.

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