Draussen war es still, Zürich eine Schlafstadt. Drinnen war es laut – und die Tanzfläche rappelvoll. Im «La Panthera» an der Zentralstrasse 53 stand ein schüchterner Discjockey am Mischpult. Roger Giger zirkelte warme Disco-Bässe durch den kleinen Raum. Er zelebrierte einen Sound, der mehr war als ein Sound: ein neues Lebensgefühl.
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Bild 1 von 3. Foto von Roger Giger vor dem «Flamingo-Club», in Schwarz-Weiss: Drinnen im Club herrschte jedoch ein buntes Treiben. Bildquelle: Arnold Meyer.
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Bild 2 von 3. Die Technik für die Arbeit am Mischpult erlernt Roger Giger bei einem Aufenthalt auf Mykonos. Bildquelle: Roger Giger.
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Bild 3 von 3. Promo-Fotot: Der «Flamingo-Club» lädt auf die Tanzfläche ein. Bildquelle: ClubCultureCH.
Disco war radikal anders. Der Stil entstand, weil Discjockeys Soul, Funk, RnB, Afro und frühe elektronische Musik vermischten. Diese DJs veränderten, wie man im Club tanzte. Nonstop, weil die Musik jetzt ohne Unterbrüche lief. Und sie sorgten dafür, dass man diesen Sound jetzt auf einer wirklich guten Anlage hörte.
Die Geburt des DJs
Disco schuf Gemeinschaft. In der Intensität der Nacht wurde alles eins: Raum und Klang, DJ und Publikum. Das war keine Einwegbeschallung. Dafür ein energetisches Miteinander, kredenzt im Viervierteltakt. Bis heute ist das wegweisend, obschon der DJ eigentlich nur das macht, was ein Schamane seinem Stamm verabreichte: rhythmische Trommelmusik für ein tanzendes Publikum.
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Bild 1 von 7. Gemeinsam oder gegen etwas tanzen: Die Discokultur trifft den Zeitgeist. 1978 findet im Volkshaus in Zürich ein sogenanntes «Disco-Konzert» statt. Bildquelle: Keystone/Photopress-Archiv/rk.
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Bild 2 von 7. Für die Beats und die Stimmung sorgt DJ Martin Wieser, Mitbegründer der «Disco Wildcat», an den Plattentellern. Bildquelle: Keystone/Photopress-Archiv/rk.
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Bild 3 von 7. Die Disco-Welle, die durch die Schweiz schwappte, ist inspiriert von der Gegenkultur der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre. Das zeigt sich auch visuell, wie beim «Crazy Girl» Disco-Club in Zürich. Bildquelle: Keystone/Photopress-Archiv/Str.
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Bild 4 von 7. Lange Zeit sahen Nachtclubs eher aus wie hier im «Jo Roland» in Zürich im Jahr 1968. Bildquelle: Getty Images/ATP/RDB/ullstein bild.
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Bild 5 von 7. Nicht alle sind mit den neuen Diskotheken einverstanden. Im New Yorker Soho-Viertel wird 1974 gegen eine Disco- und Saftbar protestiert. Bildquelle: Getty Images/Allan Tannenbaum.
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Bild 6 von 7. Eigentümer ist der berühmte Nachtclub-Besitzer David Mancuso. Bedeutung erlangte er als Gastgeber der von ihm begründeten Loft-Partys, die zur Keimzelle der New Yorker Disco-Bewegung wurden. Bildquelle: Getty Images/Allan Tannenbaum.
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Bild 7 von 7. 1978 wird die ganze Welt vom «Saturday Night Fever» angesteckt – so auch die Schweiz. Bildquelle: Getty Images/RDB/ullstein bild.
Disco war politisch. Auf den frühen Partys bündelten sich die liberalen Energien seiner Zeit: Die sexuelle Revolution liess Körper verschmelzen. Die Schwulenbefreiung schuf sichere Räume für queere Minderheiten. Die Bürgerrechtsbewegung ermutigte Afroamerikaner und Latinos, sich auf der Tanzfläche neu zu erfinden. Und die Gegenkultur der 1960er-Jahre inspirierte den DJ David Mancuso, in seinem New Yorker Loft all das zusammenzubringen: eine Party unter Freunden mit brillantem Sound. So fing Disco an.
Discowelle schlägt um sich
1978, als DJ Roger Giger im «La Panthera» auflegte, war Disco schon auf dem kommerziellen Höhepunkt angelangt – und der Ausverkauf im vollen Gang. Spätestens als Frank Sinatra seichte Disco-Platten einspielte, war der Begriff zu einer Marketing-Floskel mutiert. Die Disco-Welle habe die Schweiz erfasst, hiess es, weswegen Fernsehen DRS ein Special ausstrahlte.
Da war es wiederum sehr passend, dass der DJ für die DRS-Show Sylvesters Song «You Make Me Feel (Mighty Real)» spielte. Die allerwenigsten Zuschauer dürften indes realisiert haben, dass es sich hier um eine emanzipatorische Hymne der New Yorker Schwulenbewegung handelte, so queer und bunt das Disco-Treiben im Zürcher Mascotte-Club auch daher kam.
Von Mykonos zur Street Parade
Dass ausgerechnet Roger Giger einer der ersten war, der in der Schweiz zum Dance-Pionier wurde, war kein Zufall. Auf der griechischen Insel Mykonos, damals ein bekanntes Zentrum der schwulen Club‑ und Partyszene, hatte er gesehen, wie ein DJ Platten perfekt ineinander übergehen liess. Das prägte ihn. Nach dem «La Panthera» wurde er Resident im «Flamingo» an der Limmatstrasse. Dort im fünften Stock mischten sich Banker unter die Dragqueens, verkehrten Secondas und Züriberg-Exzentriker.
Zwischen 1982 und 1989 stand Roger Giger jeden Freitag und Samstag an den Plattentellern. Neun Stunden lang. Giger hatte einen langen Atem. Und er hatte als DJ exklusiven Zugang zu den allerneusten Platten aus New York. Zürich zeigte er, wie sich Disco zu House wandeln sollte. Die Street Parade? Wartete schon an der nächsten Wegbiegung.