Drei Monate nach dem Brand von Crans‑Montana dauert die Belastung für einige Familien weiter an. Julie wacht jeden Tag an der Seite ihrer Tochter Anaïs. Die 19‑Jährige erlitt beim Brand in der Bar «Le Constellation» schwere Verbrennungen und wird seither in Hannover behandelt.
«Sie lag acht Wochen lang im künstlichen Koma, und während dieser ganzen Zeit bestand Lebensgefahr. Die Ärzte sagten mir täglich, dass ihr Zustand kritisch sei und sie jederzeit sterben könne», erzählt die Mutter gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS).
Der Bericht von Anäis’ Mutter Julie (mit dt. Untertiteln)
Seit rund eineinhalb Monaten ist Anaïs wach. Ihr Zustand hat sich stabilisiert. Die Folgen der Verletzungen bleiben jedoch gravierend. «Medizinisch ist sie stabil», berichtet ihre Mutter, «aber sie ist nach wie vor schwer verbrannt, knapp unter 70 Prozent. Beide Hände sind stark betroffen. Sie kann sie nicht benutzen, kein Telefon bedienen und keinen Kontakt halten über ihre sozialen Netzwerke.»
Um nahe bei ihrer Tochter zu sein, lebt Julie seit dem Brand in einem Hotel beim Spital.
Die Sprachbarriere
Der Aufenthalt in Deutschland bringt zusätzliche Belastungen mit sich. Zum einen ist da die Sprache. In einer vollständig deutschsprachigen Umgebung fällt es sowohl ihr als auch ihrer Tochter schwer, medizinische Informationen zu verstehen. Zudem gebe es «keine psychologische Betreuung auf Französisch».
Hinzu kommen die Distanz und die Isolation. «Wir sind sieben bis acht Stunden von zu Hause entfernt, weit weg von Familie, Freunden und der Unterstützung, die wir in der Schweiz gehabt hätten», sagt Julie.
Diese Situation belastet auch Anaïs psychisch stark. Ihre Mutter beschreibt einen fragilen Zustand, geprägt von kurzen Hoffnungsmomenten und langen Phasen der Entmutigung.
«Sie hat Schmerzen. Und sie merkt, dass ihr Körper nicht mehr so sein wird wie früher», sagt Julie. «Vor allem fühlt sie sich allein. Sie möchte ihre Freunde sehen und nach Hause.»
Versprochene, aber ausstehende Rückführung
Seit dem 10. März gilt Anaïs aus medizinischer Sicht als transportfähig. Julie wandte sich daraufhin an das Universitätsspital Lausanne (CHUV), das für im Ausland behandelte Opfer von Crans‑Montana zuständig ist.
Mehrfach habe man ihr versichert, die Rückführung erfolge «in den nächsten Tagen». Doch nichts sei passiert. Julie sagt, sie müsse selbst immer wieder nachfragen. Mal heisse es, es fehle an Betten, mal an Personal. «Man sagte mir sogar, bei weiteren Unfällen müssten andere Patienten wieder ins Ausland verlegt werden», berichtet sie.
Die Unsicherheit hatte auch medizinische Folgen. Eine Hauttransplantation wurde verschoben. Die Ärzte in Deutschland warteten auf Klarheit über einen möglichen Transport. Weitere Eingriffe stehen bevor. An der linken Hand müssen Phalangen amputiert werden.
«Wir hätten diese Operationen lieber in der Schweiz durchführen lassen», sagt Julie. «Das ist psychisch extrem belastend. Ohne Betreuung auf Französisch wird es noch schwieriger.» Ihr Fazit fällt klar aus: «Ich fühle mich blockiert und im Stich gelassen.»
Hoffnung auf eine baldige Lösung
Das CHUV bestätigt gegenüber RTS, dass Anaïs so rasch wie möglich zurückgeholt werden soll. Die Zahl der Betten für Schwerbrandverletzte sei jedoch begrenzt. Zudem müsse jederzeit Platz für Notfälle bleiben. Die Familie wartet nun auf eine Entscheidung.