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Genfer Immobilienmarkt 92-Jährige kriegt nach 53 Jahren die Kündigung

Besitzerwechsel und Massenkündigung – dann renovieren und schliesslich fürs Doppelte und Dreifache vermieten: Auch in Genf sind immer mehr Menschen davon betroffen. Der Branchenverband sieht die Ursache in der Regulierung.

In Genf sorgt eine Entwicklung für Schlagzeilen, die etwa in Zürich schon länger zu beobachten ist: Menschen müssen ihre Wohnungen verlassen, weil neue Eigentümerinnen oder Eigentümer die Liegenschaften renovieren lassen wollen – und sie danach zu massiv höheren Preisen neu vermieten.

Christian Dandrès, Genfer SP-Nationalrat und Jurist beim Schweizerischen Mieterverband, sieht dahinter ein klares Kalkül: «Diese Gruppen kaufen Immobilien zu ausserordentlichen Preisen. Dann werfen sie alle raus, um die Mieten auf 3000 oder 4000 Franken pro Monat zu bringen.» Die Praxis sei aus der Deutschschweiz bekannt und halte jetzt auch in der Romandie Einzug, so Dandrès.

Ein Beispiel ist Micheline Lagarde. «Ich dachte, dass ich lieber möglichst schnell sterben würde», sagt die 92-Jährige über den Moment, als sie kurz vor Weihnachten den Kündigungsbrief von der neuen Verwaltung erhielt.

Im Frühjahr 2025 hatte eine Immobilienfirma das Gebäude an der Rue Butini für die stattliche Summe von 14 Millionen Franken gekauft, in dem Lagarde seit 53 Jahren wohnt. Und aus dem sie jetzt, wie alle anderen Mieterinnen und Mieter auch, ausziehen soll.

Kündigung nach 53 Jahren: zu Besuch bei Micheline Lagarde

Die Verwaltung macht Renovierungsarbeiten und eine Aufstockung des Gebäudes geltend. Mieterin Lagarde sieht die Motivation anderswo: «Im Moment sind die Mieten recht vernünftig. Nach der Renovierung werden sie sich meiner Meinung nach verdoppeln oder sogar verdreifachen.»

Boulevard Carl Vogt: Ein Rechenbeispiel

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RTS hat mehrere Fälle zusammengetragen, in denen Genfer Immobilien den Besitzer wechselten und darauf Massenkündigungen folgten (siehe Karte).

Der aufsehenerregendste Fall ist ein Haus am Boulevard Carl Vogt. 2020 zahlte die Pensionskasse der Stadt Basel 128,5 Millionen für den Erwerb des Blocks mit 107 Wohnungen. Fünf Jahre später erhielt ein grosser Teil der Bewohnerinnen und Bewohner die Kündigung.

Für eine Rendite von mehr als drei Prozent auf diese Investition müsste die Käuferin Mieten um 4000 Franken pro Monat verlangen. Laut dem eidgenössischen Gebäuderegister befinden sich in dem Gebäude hauptsächlich 1- und 2-Zimmer-Wohnungen, die zwischen 33 und 57 Quadratmeter gross sind.

Für das Gebäude zuständig ist die Immobilienverwaltungs-Firma Naef. Sie will sich nicht zum Einzelfall äussern. Generell bestreitet sie, dass die Massenkündigung etwas mit Spekulation zu tun habe. «Die Mieten nach der Renovation werden gemäss dem geltenden gesetzlichen Rahmen festgelegt», schreibt sie auf Anfrage des Westschweizer Radio und Fernsehens (RTS).

Laut einem Gutachten wäre es zu gefährlich, wenn das Gebäude während der Arbeiten bewohnt bliebe.

Rafaella Willig, Juristin beim Mieterverband, überzeugt das nicht: «Die geplanten Arbeiten ähneln zahlreichen anderen Baustellen, bei denen die Mieter das Gebäude weiterhin bewohnen. Hier wird die Renovation als Vorwand benutzt, um ein Gebäude zu leeren und anschliessend die Mieten zu erhöhen.»

Laut Mieterverband ist die Rue Butini 13 kein Einzelfall. Mehr als ein Dutzend Genfer Gebäude seien aktuell betroffen – oft erfolge die Massenkündigung, noch bevor ein Baugesuch eingereicht wurde.

Wohnungsfassade an Einkaufsstrasse
Legende: Mietshäuser am Boulevard Carl‑Vogt in Genf: Die Pensionskasse Basel‑Stadt kündigt gleichzeitig die Verträge für 107 Wohnungen und 15 Geschäfte. Keystone/Salvatore di Nolfi

Verband: «Eigentümer müssen Normen einhalten»

Beim Westschweizer Branchen-Verband USPI hingegen sieht man die Ursache in der Regulierung des Immobilienmarkts in der Rhonestadt. «Eigentümer, die alte Gebäude kaufen, müssen umfangreiche Arbeiten durchführen und die Normen einhalten», erklärt Yvan Ballif, Präsident der Genfer USPI-Sektion. Die Kündigungen seien nötig, damit der Genfer Immobilienbestand in gutem Zustand erhalten werden könne.

Nationalrat und Mieterverbands-Jurist Christian Dandrès sieht die Politik in der Pflicht: «Es ist klar, dass das hier passiert, wenn die Instrumente zum Schutz der Mieter nicht richtig angewendet werden.» Der Staat habe die nötigen Mittel, um solche Praktiken zu verhindern.

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RTS, 19h30, 25.3.2026, 19:30 Uhr;weds

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