«Das Foto habe ich am 25. Juni 2026 von meinem Haus aus gemacht», erzählt der Bergführer Harry Lauber gegenüber dem Radio und Fernsehen der italienischen Schweiz RSI. «In Zermatt sind nur ein paar Regentropfen gefallen, aber auf dem Gipfel des Matterhorns entwickelte sich ein Gewitter.» Das Schauspiel soll gerade einmal fünf bis zehn Minuten gedauert haben.
Obwohl die Hitze dieser Tage auch die höchsten Lagen erreicht hat, stellt das Phänomen keinen Einzelfall dar. «In den vergangenen Jahren sind positive Temperaturen auf 5000 Metern immer häufiger geworden», erklärt Luca Nisi, Meteorologe von MeteoSchweiz. Am Tag, als Harry Lauber die Wasserfälle fotografierte, befand sich die Nullgradgrenze bei etwa 4500 Metern.
Was die Wasserfälle so besonders macht
«Das Ereignis ist ziemlich selten, weil es zwei Faktoren kombiniert: eine aussergewöhnlich warme Luftmasse und Gewitterregen genau auf den Alpenkämmen. In der Vergangenheit hätte die gleiche Störung mit einer tieferen Nullgradgrenze den Berg wahrscheinlich weiss eingefärbt, anstatt Regen zu produzieren», erklärt der Meteorologe.
An jenem Abend waren die Niederschlagsmengen entlang des Matterhornkamms beträchtlich: etwa 20 Millimeter auf dem Gipfel und bis zu 50 Millimeter auf dem Monte Rosso und Mont Charvin. «Da es sich um nackten Fels handelt, fliesst der Regen sofort talwärts und lässt die beobachteten Wasserfälle entstehen.» Hohe Temperaturen sind zwar keine Seltenheit mehr, doch dass sie mit einem starken Gewitter zusammenfallen, ist aussergewöhnlich.
Veränderungen im Hochgebirge
Wenn der Regen in solchen Höhen fällt, dringt das Wasser in die Risse des Felsens ein und erreicht den Permafrost, die Schicht aus Erde und Gestein, die dauerhaft gefroren bleibt. Die vom Wasser transportierte Wärme beschleunigt das Auftauen und begünstigt eine Kettenreaktion: Das Eis, das den Felsen zusammenhält, schmilzt, die Risse vergrössern sich und das Wasser kann noch tiefer eindringen, wodurch der Prozess verstärkt wird. Das Ergebnis ist ein Berg, der anfällig für Felsstürze wird.
Das Matterhorn steht unter besonderer Beobachtung der Wissenschaft. Seit Jahren überwachen die Forscher des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) die Destabilisierungsprozesse des Berges durch den Abbau des Permafrosts.
Auf die Bilder von Harry Lauber angesprochen, mahnt Robert Kenner, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsinstituts, jedoch zur Vorsicht bei den Interpretationen. «Nicht die einzelnen Wetterereignisse beeinflussen den Permafrost, sondern die langfristigen Klimaveränderungen», betont er. Er fügt ausserdem hinzu, dass man bei der Betrachtung des Fotos nicht ausschliessen kann, dass ein Teil dessen, was als fallendes Wasser erscheint, in Wirklichkeit Hagel ist, der durch das Gewitter produziert wurde, das den Gipfel des Matterhorns erfasste.
Nach einem Leben am Fusse des Matterhorns schaut Harry Lauber realistisch in die Zukunft: «Die Natur hört nie auf, sich zu verändern. Nichts überrascht mich mehr. Eines Tages wird das Matterhorn nicht mehr existieren.»