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Veränderte Patientinnenwünsche Warum immer weniger Männer Gynäkologen werden

Geht der Beruf des männlichen Gynäkologen seinem Ende entgegen? Nur noch wenige junge Ärzte entscheiden sich für eine Spezialisierung in Gynäkologie und Geburtshilfe.

Vor 15 Jahren waren noch 54 Prozent der Gynäkologinnen und Gynäkologen in der Schweiz Männer, heute sind es rund 30 Prozent. Bei den jungen Ärztinnen und Ärzten liegt der Männeranteil bei weniger als zehn Prozent.

Das denken Frauen über männliche Gynäkologen (dt. Untertitel):

Der Trend lässt sich nicht allein mit der allgemeinen Feminisierung der Medizin erklären. Zwar stellen Frauen heute rund die Hälfte der Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz – vor 15 Jahren war es etwa ein Drittel. In der Gynäkologie verläuft dieser Wandel jedoch zwei- bis dreimal schneller. Spitäler bemühen sich deshalb zunehmend, Männer in der Ausbildung zu halten.

Wenn man jung ist, schämt man sich eher vor einem Mann. Und in der Menopause spricht man lieber mit einer Frau, die Ähnliches erlebt hat oder es zumindest nachempfinden kann.
Autor: Sara Vesnaver Megalo Gynäkologin

«Bei gleicher Qualifikation haben Männer heute bessere Chancen, angestellt zu werden, um ein gewisses Gleichgewicht zu bewahren», sagt Pauline de Vries gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS). Sie ist Leiterin der pränatalen und postpartalen Einheit am Universitätsspital Lausanne (CHUV).

Patientinnen bevorzugen Frauen

Ein zentraler Grund für den Wandel liegt bei den Patientinnen selbst. Sieben von zehn Frauen bevorzugen heute eine Gynäkologin – besonders junge Frauen, aber auch Frauen im Alter der Menopause.

«Das ist nachvollziehbar», sagt die Lausanner Gynäkologin Sara Vesnaver Megalo. «Wenn man jung ist, schämt man sich eher vor einem Mann. Und in der Menopause spricht man lieber mit einer Frau, die Ähnliches erlebt hat oder es zumindest nachempfinden kann – nicht mit einem Mann, der das nur theoretisch kennt.»

#MeToo und Vertrauensverlust

Zum Rückgang männlicher Gynäkologen trägt auch die #MeToo‑Bewegung bei. Sie hat Fragen zu Einwilligung, Machtverhältnissen und zu Gewalt in der Gynäkologie und Geburtshilfe neu ins öffentliche Bewusstsein gerückt.

«Es ist sehr, sehr kompliziert geworden», sagt der Gynäkologe Michel Dominguez. Die Angst vor Anzeigen oder vor falsch verstandenen Gesten lasse junge Ärzte zögern, sich für diese Fachrichtung zu entscheiden.

Arzt zeigt Ultraschallbild auf Tablet.
Legende: Was wäre, wenn es bald keine männlichen Gynäkologen mehr gäbe? Die Frage mag überraschen, doch die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache: Nur noch eine Handvoll junger männlicher Ärzte spezialisiert sich auf Gynäkologie und Geburtshilfe. Getty Images / SDI Productions

Dominguez räumt aber auch ein: «Wenn Frauen das Vertrauen verloren haben, dann nicht ohne Grund. Es gab Männer vor uns, die patriarchal oder übergriffig waren.»

Grenzüberschreitungen und strengere Regeln

Gegenüber RTS schildert eine Frau eine sexistische Bemerkung ihres früheren Gynäkologen. Seither gehe sie bewusst zu einer Gynäkologin. Auch Ärzte berichten von problematischen Praktiken während ihrer Ausbildung. Damien Grohar, Chefarzt am Ensemble Hospitalier de la Côte, erinnert sich an «Übungsuntersuchungen» an narkotisierten Patientinnen ohne deren Einwilligung. «Das war völlig daneben», sagt er. Inzwischen habe sich aber «sehr viel verändert».

Bald wird es auf zehn Gynäkologinnen und Gynäkologen wohl noch neun Frauen und einen Mann geben.
Autor: Alexandre Megalo Arzt

Die Vorgaben sind heute deutlich strenger. Jeder Eingriff muss erklärt und ausdrücklich akzeptiert werden. Intime Untersuchungen wie der Abstrich werden bei jungen Patientinnen in der Regel erst ab 21 Jahren empfohlen – und nicht vor dem ersten Geschlechtsverkehr, ausser es besteht eine medizinische Notwendigkeit.

Eine Frage der Zeit?

«Bald wird es auf zehn Gynäkologinnen und Gynäkologen wohl noch neun Frauen und einen Mann geben», sagt der Lausanner Arzt Alexandre Megalo.

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Ganz verschwinden dürften männliche Gynäkologen aber nicht. In der Chirurgie, in Führungspositionen und in bestimmten Spezialisierungen sind Männer weiterhin stark vertreten.

RTS Temps présent, 23.4.2026, 20:13 Uhr; wilh

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