Englands Missbrauch trifft stets die Unterschicht

Die britischen Missbrauchs-Skandale häufen sich: Die TV-Unterhalter Saville und Harris entpuppten sich als skrupellose Pädophile, ein Ring von Prominenten soll in London jahrelang gewütet haben. Und nun ein Bericht, wonach muslimische Banden im Norden systematisch weisse Mädchen missbrauchten.

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Bildlegende: Grauen hinter beschaulicher Kulisse: Stadt Rotherham im Zentrum des jüngsten Missbrauchsskandals. Keystone

In der nordenglischen Stadt Rotherham wurden jahrelang junge weisse Mädchen von organisierten Banden pakistanischer Herkunft sexuell missbraucht und ausgebeutet. Die Behörden wussten davon, rührten indessen keinen Finger.

Ein wichtiges Motiv zum menschenverachtenden Wegschauen war dabei gewiss die amtliche Befürchtung, als Rassisten verunglimpft zu werden, weil die Täterschaft fast ausnahmslos einer bestimmten ethnischen Minderheit entsprang. Doch das war wohl nicht hinreichend.

Die Sozialarbeiter, die Polizei und die Beamten der Stadtbehörde teilten nämlich mit den Tätern ihre abgrundtiefe Verachtung für die Opfer. Diese entstammten zum grossen Teil der Unterschicht, waren ohnehin vernachlässigt und gefährdet.

Die Schwächsten als Spielball von schwachen Behörden

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Bildlegende: Rotherham als Zentrum des jüngsten britischen Missbrauchsskandals. Die Opfer: mindestens 1400 Mädchen. Keystone

Ein Drittel der rund 1400 Opfer von Rotherham waren der Sozialfürsorge schon bekannt. Bei den Tätern wurzelte die Geringschätzung gewiss in rassistischen Vorurteilen gegen weisse Frauen schlechthin, deren scheinbare Verfügbarkeit sie zu rechtlosen Werkzeugen macht. Die weitgehend aus Kaschmir stammenden britischen Pakistaner huldigen oftmals sehr konservativen Wertvorstellungen.

Bei den Behörden indessen kamen die Vorurteile aus einer anderen Ecke. Sie waren gesellschaftlich oder sozial begründet. Die Produkte der Unterschicht, die von den Amerikanern unverblümt als «white trash» bezeichnet werden, gelten oft als ohnehin delinquent, als Schmarotzer des Wohlfahrtsstaates, als potenzielle Straftäter, die auf ihre Chance warten. Ihre Klagen über Missbrauch wurden in Rotherham auf den Kopf gestellt: die Kinder wurden offen beschuldigt, selbst für ihr Schicksal verantwortlich zu sein.

Opfer aus Waisenhäusern geholt

Hier, im Sumpf der englischen Klassengesellschaft, liegen wohl auch die Gemeinsamkeiten mit den anderen Missbrauchsskandalen der letzten Jahre: Der bizarre Jimmy Saville, Unterhalter und Fernsehgrösse, suchte sich seine Opfer in Waisenhäusern, Irrenanstalten und Spitälern – also unter rechtlosen Randständigen ohne Beistand. Niemand griff ein, und das wohl nicht nur, weil der Täter ungreifbar war, sondern weil die Opfer bedeutungslos erschienen.

Der erst als Gerücht fassbare Pädophilenring im Zentrum des britischen Establishment verfuhr angeblich ähnlich. Auch hier wird von Waisenhäusern und Kinderheimen gemunkelt.

Die Schattenseiten der Klassengesellschaft

Keine Gesellschaft ist immun gegen derartige Skandale, jeder Fall legt unterschiedliche Triebkräfte frei. Aber das englische Gesellschaftsverständnis, das nachweislich ausserstande ist, die Unterschicht aus ihren Zwängen herauszulösen, trägt gewiss eine Mitverantwortung für die Verschleppung.

Die alte Weisheit gilt unverändert: Wer eine Gesellschaft verstehen möchte, tut gut daran zu untersuchen, wie sie ihre schwächsten Mitglieder behandelt. Das wirft einen Schatten auf alle.

(brut; fref)