«Europa muss unabhängiger von den USA werden»

Russlands Präsident Wladimir Putin hat sich in einem Interview mit dem Westschweizer Fernsehen zu seiner politischen Strategie und zum Verhältnis zu Europa geäussert. Der Kremlchef zeigte sich selbstbewusst – und blieb seiner scharfen Rhetorik treu.

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Wladimir Putin im Exlusivinterview (französisch)

7:05 min, vom 27.7.2015

«Ist heute ein neuer Krieg in Europa möglich?», fragt Darius Rochebin vom Westschweizer Fernsehen seinen prominenten Gast im Exklusivinterview. «Ich hoffe nicht», antwortet der russische Präsident. «Aber wir wünschen uns ein Europa, das seine Unabhängigkeit und Souveränität stärker zeigt.» Europa müsse sich stärker von den USA emanzipieren, fordert Putin.

«Wenn wir, um mit unseren europäischen Partnern über interne Angelegenheiten zu diskutieren, nach Washington reisen müssen, dann ist das ein bisschen seltsam», sagt der russische Präsident.

«Strategisches Gleichgewicht wahren»

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Nobelpreis für Blatter

Putin verteidigt im Interview auch Fifa-Präsident Sepp Blatter. «Ich glaube kein Wort von den Korruptionsvorwürfen gegen ihn.» Leute wie Blatter oder Mitglieder der internationalen Sportverbände oder des Olympischen Komitees sollten ausgezeichnet werden. «Wenn es Leute gibt, die einen Nobelpreis verdient haben, dann diese Leute.»

Der russische Präsident verteidigte im Interview auch neue russische Rüstungsprogramme. Das neue Wettrüsten habe damit zu tun, dass die USA den ABM-Vertrag (Vertrag zur Begrenzung von Raketenabwehrsystemen) unilateral aufgekündigt hätten. «Dieser Vertrag stellte den Eckpfeiler des internationalen Sicherheitssystems dar. Als die USA begannen, ihr eigenes Raketenabwehrsystem aufzubauen, haben wir klar gemacht, dass wir als Antwort Massnahmen treffen werden müssen – mit dem Ziel, das strategische Gleichgewicht der Kräfte zu wahren.»

Moskau tue dies, um die Sicherheit Russlands zu gewährleisten, aber auch für den Rest der Welt. Das strategische Gleichgewicht habe lange Frieden in der Welt garantiert und Konflikte in Europa und überall auf der Welt verhindert.

Russland selbst habe nicht das geringste Interesse an einer Konfrontation mit anderen Ländern, so Wladimir Putin. «Aber manchmal sind wir gezwungen, unsere Interessen zu verteidigen», fügte er hinzu. «Und das machen wir natürlich.»

Nationale Interessen im Zentrum

Im Gespräch mit RTS kommen auch die nationalistischen und rechten Bewegungen Europas zur Sprache, bei denen Putin auf Sympathie stösst: Marine Le Pen in Frankreich, die SVP in der Schweiz. Heute würden eher rechte und rechtsextreme Parteien in Europa als linke Parteien Russland unterstützen, argumentiert Darius Rochebin. Putin glaubt nicht, dass diese insbesondere ihn unterstützen würden. «In diesen Parteien gibt es ein Bewusstsein für die nationalen Interessen, nationale Interessen wie sie sie selber sehen.»

«Weltweit ist es zu erdrutschartigen Veränderungen in der öffentlichen Meinung gekommen. Dies im Sinne, dass nationale Interessen heute verstärkt verteidigt werden. Beispielsweise sei Europa aktuell einem konkreten Problem ausgesetzt: den massiven Flüchtlingsströmen. «Hat Europa die Entscheidungen getroffen, die zu dieser Situation geführt haben? Seien wir ehrlich: Diese Entscheide kamen aus den USA. Und Europa muss die Konsequenzen hinnehmen.» Das heisse aber nicht, dass die US-Politik verteufelt werden müsse.