Flüchtlinge oder Flüchtende? Sprache ist Politik

In der Diskussion über Migration und Flüchtlinge werden seit Monaten, gerade in rechtspopulistischen Kreisen, auffallend viele Formulierungen wie «Flüchtlingsstrom» oder «Flüchtlingswelle» benutzt. Diese Begriffe sind nicht positiv besetzt, wie eine Sprachwissenschaftlerin analysiert.

Das Wort «Flüchtling» vermeiden?

6:58 min, aus Echo der Zeit vom 25.02.2016

Was stört Sie an dem Wort: Flüchtling?

Elisabeth Wehling: Das Wort Flüchtling aktiviert wie jedes Wort in der politischen Debatte einen gedanklichen Deutungsrahmen, der uns vorgibt, wie wir die Situation wahrnehmen. Das Wort Flüchtling mag ganz unscheinbar daherkommen, allerdings funktioniert das Suffix Ling als Diminutiv, das bedeutet, es verkleinert und es wertet ab. Man sieht es an den Beispielen Setz-ling, Frisch-ling, Schreiber-ling, Schön-ling. Die Idee des Flüchtlings ist über das Suffix eine abwertende. Das zweite ist, dass der Flüchtling in der deutschen Sprache männlich ist, und zwar nur männlich. Über die Nutzung dieses Wortes assoziieren wir ganz automatisch stereotypische, männliche Merkmale.

Wie wäre der korrekte Ausdruck?

Ein anderer Ausdruck, der eine andere Perspektive geben würde, wäre zum Beispiel der Geflüchtete, die Geflüchtete, das geflüchtete Kind. Oder auch der oder die Flüchtende.

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Elisabeth Wehling

Elisabeth Wehing

Elisabeth Wehling ist Linguistin an der University of California in Berkely, USA. Sie forscht mit dem Schwerpunkt politische Sprach- und Kognitionsforschung. In dieser Wissenschaft ist man sich längst einig: Sprache ist Politik. Wehling wendet die linguistischen Methoden auf die deutsche Sprache an und hat dazu ein Buch verfasst.

Ist das nicht semantische Wortklauberei?

Im Gegenteil. Wir wissen aus der Kognitionswissenschaft, dass schon kleinste Änderungen in der Wortwahl zu erheblichen Unterschieden und auch Verschiebungen in der politischen Meinungsbildung führen.

Sind solche Begriffe im Grunde genommen gefährlich?

Begriffe sind nicht unbedingt gefährlich in dem Sinne, dass jeder davon in der politischen Debatte potentiell manipuliert werden kann. In unserer Forschung geht es mehr darum, darauf hinzuweisen, dass in jedem Begriff viel mehr Bedeutung, viel mehr Assoziationen drinstecken, als man mit blossem Auge erkennen kann und wir plädieren deshalb für einen bewussten Umgang mit der Sprache und ein Bewusstsein dafür, wie stark Politik sich eben durch Sprache bedingt.

Ein Beispiel aus der Schweiz: Masseneinwanderungs-Initative?

Es geht da um eine grosse Gruppe von Menschen, man könnte auch von einer Menge sprechen, eine Mengeneinwanderung. Der grosse Unterschied zwischen Menge und Masse ist, dass Masse ein Objekt bezeichnet, eine Form. Menge hingegen eine Anhäufung von Personen, die man noch kognitiv nachvollziehen kann.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Eine Menschenmenge betritt den Platz. Man kann sie personifizieren. Die Menge rief, die Menge freute sich. Eine Menschenmasse kann man nicht personifizieren, man kann nicht sagen, eine Masse betritt den Platz oder die Masse freute sich. Das ist sozusagen eine ungrammatikalisch Nutzung des Worts. Die menschlichen Merkmale der Masseneinwanderung werden gedanklich ausgeblendet. Im Übrigen ergibt sich in Anlehnung an den Begriff Wassermassen auch ein Bild der Bedrohung. Nicht ohne Grund sprechen wir auch davon, in der Masse unterzugehen.

Wenn die eine Seite dauernd von Asylchaos spricht, unabhängig davon, ob das den Tatsachen entspricht, wie sollte denn die Gegenseite reagieren? Die Wortwahl anprangern?

Wann immer man sich mit politischen Begriffen konfrontiert sieht, der eigenen moralischen Perspektive nicht entsprechen, sollte man diese Begriffe nicht aufgreifen und verneinen, im Sinne von, es gibt hier gar kein Asylchaos, denn wenn immer man eine Idee verneint, aktiviert man sie. Natürlich ist es auch keine Lösung, über Dinge zu schweigen, ganz im Gegenteil. Die Herausforderung wäre, wenn man das Asylchaos für sich gedanklich und politisch auch nicht annehmen möchte, und andere Perspektiven auf das Thema hat, diese selber proaktiv zu formulieren und die Einwanderungs- und Asylsituation, wie sie sich aus der eigenen Perspektive darstellt, auch so zu kommunizieren.

Nun ist das alles kein rechtspopulistisches Phänomen, sehen wir bei den Linken den gleichen Mechanismus?

Ja, sicherlich. Und im Übrigen muss in einer Demokratie, in der Ideenvielfalt herrscht, sprachliche Vielfalt herrschen, damit man einen gesunden demokratischen Diskurs aufrecht erhält, der unterschiedliche Perspektiven auf ein und dieselbe Faktenlage zulässt.

Sie plädieren für eine sorgfältige, präzise Wortwahl. An wen richtet sich dieser Aufruf?

Dieser Aufruf richtet sich an die Politik, an die Medien und an die Bürger. In jedem demokratischen Miteinander ist der Hinweis, dass man seine Sprache ernst nimmt und ein Bewusstsein dafür schafft, wie stark Sprache nicht nur das eigene Denken, sondern auch das Denken der anderen beeinflusst.

Das Gespräch führte Samuel Wyss.