Syrien-Flüchtlinge: «Nach Europa sind nur ganz wenige gekommen»

Über drei Millionen Syrer sind seit Beginn des Bürgerkriegs auf der Flucht – eine der grössten humanitären Tragödien seit dem Zweiten Weltkrieg. Wo sollen all diese Menschen hin? Wie sollen sie anderswo aufgenommen werden? Fragen, mit denen sich die Schweizer Vertreterin des UNHCR auseinandersetzt.

Zwei Knaben waten frierend durch eine riesige Pfütze in einem UNHCR-Flüchtlingslager. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Flüchtlingscamp im Nordirak: Bis Ende Jahr werden ca. 3,6 Millionen Menschen in die Nachbarländer Syriens geflohen sein. Imago

SRF: Was erwarten Sie von der Flüchtlingskonferenz zur Verstärkung der Hilfe für syrische Kriegsflüchtlinge, die heute Dienstag in Genf stattfindet?

Porträt Susin Park. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Susin Park arbeitet seit 1994 für das UNO-Hilfswerk UNHCR. Seit 2009 leitet sie das Büro der Schweiz und Liechtensteins. UNHCR

Susin Park: Wir hoffen, dass die Staaten zusammenkommen, um zu sagen, dass sie Flüchtlinge aufnehmen können – Flüchtlinge, die in den Nachbarländern nicht bleiben können, weil sie gefährdet sind und weil sie immer noch Schutz brauchen.

Soll die Konferenz in einen Appell an die Staaten münden?

Sie wird darin münden. Aber wir hoffen, dass die Staaten bereits mit konkreten Angaben kommen, wie viele Flüchtlinge sie über verschiedene Wege aufnehmen können. Zum Beispiel über das sogenannte Resettlement oder über erweiterte Familienzusammenführungs-Programme des UNHCR. Denn wir sehen immer wieder, dass Flüchtlinge in ein anderes Land möchten, um mit ihren Familienmitgliedern wiedervereint zu werden. Vielleicht auch über Stipendien, so dass Studenten oder Flüchtlinge mit Potenzial an einer Universität in einem anderen Land studieren oder weiterstudieren können.

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Dauerhafte Lösung

Der Begriff Resettlement bezeichnet die dauerhafte Neuansiedlung besonders verletzlicher Flüchtlinge in einem Drittstaat. Dieser gewährt ihnen vollen Flüchtlingsschutz und bietet ihnen die Möglichkeit, sich im Land zu integrieren. Die Schweiz will 500 Flüchtlinge aus Syrien aufnehmen.

Gibt es schon Signale der Staaten, in Westeuropa zum Beispiel, zusätzliche Flüchtlinge aufzunehmen?

Wir haben einige positive Signale erhalten. Wir haben mehr Staaten, die sich zum Beispiel bereit erklärt haben, über Stipendien syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Wir haben auch mehr Länder, die sich überlegen, über privates Sponsoring Flüchtlinge aufzunehmen. Wir hoffen sehr, dass es heute an der Konferenz in Genf noch zu höheren Zahlen kommt.

Über drei Millionen Menschen sind aus Syrien geflohen. Wie ist die Lage an den Orten, wo sich diese Flüchtlinge gesammelt haben?

Die Situation ist sehr angespannt. Man muss sich vorstellen, dass Libanon mehr als einen Viertel seiner Bevölkerung an Flüchtlingen aufgenommen hat. Wenn in den letzten Jahren zweieinhalb Millionen Flüchtlinge in die Schweiz gekommen wären, mit sehr oft nichts anderem auf dem Rücken als ihre Kleider, mit sehr vielen Wunden, psychische und physische, mit sehr vielen Bedürfnissen – wie wäre die Schweiz damit umgegangen? Wir können uns vorstellen, dass das sehr schwierig gewesen wäre, auch für die Schweiz, ein eher wohlhabendes und stabiles Land. Und wir reden hier von Ländern um Syrien herum, die sehr viel ärmer und viel weniger stabil sind. Sie haben wahnsinnig damit zu kämpfen.

Wie viele von den drei Millionen aus Syrien Geflohenen sind nach Westeuropa gekommen? Gibt es da Zahlen?

Bis jetzt sind nur ganz wenige gekommen. Wir reden von vier bis fünf Prozent der Flüchtlinge. 90 Prozent bleiben normalerweise in der Herkunftsregion, in den Nachbarländern. Das ist nicht nur in Syrien so, das ist in allen grösseren Fluchtsituationen so. Aber wir werden sicher sehen, dass noch mehr versuchen werden, zu kommen, weil die Verzweiflung steigt.

Gleichzeitig, gerade weil die Leute keine Aussichten mehr haben, nach Syrien zurückzukehren, werden sie versuchen, ihr Leben anderweitig in die Hände zu nehmen. Wir erleben auch immer wieder Menschen, die versuchen, eine Familienzusammenführung auf diesem Wege herbeizuführen. Sie versprechen sich Unterstützung von ihnen. Dabei muss man bedenken, dass die Familienbande in vielen Kulturen oft stärker ist als bei uns.

Das Gespräch führte Urs Gilgen.