«Jugend hackt»: Zurück zu den Wurzeln der Hackathons

Konventionelle Hackathons sind mittlerweile wettbewerbsorientiert und kommerziell. Unzufriedene Hackerinnen und Hacker haben eine Gegenbewegung veranstaltet: «Jugend hackt» fand das erste Mal in der Schweiz statt. Mit dem Ziel: zurück zu dem, was Hackathons ursprünglich bedeutet haben.

Sie heissen Hack Zurich, SixHackathon oder StartHack: Hackathons, bei denen mehrere dutzend Teams innerhalb von zwei bis drei Tagen ein Produkt entwickeln. Solche Hackathons werden oft von namhaften Sponsoren unterstützt; dem Siegerteam winkt ein Preisgeld, eine Anstellung oder gar Investorengeld für einen Prototypen. Solche Hackathons zu gewinnen kann derart lukrativ sein, dass gewisse Entwicklerinnen und Entwickler damit ihren Lebensunterhalt bestreiten.

Hackathons also als versteckte Recruiting-Messen, in denen der Wettbewerb und das grosse Geld im Vordergrund steht. Doch dieser Art von Hackathons steht Stefan Oderbolz, Mitorganisator von «Jugend hackt», kritisch gegenüber: «Konventionelle Hackathons bauen einen künstlichen Wettbewerb auf, der gar nicht notwendig wäre. Man stellt eine Aufgabe, von der alle wissen, dass man sie am besten gemeinsam lösen würde, und arbeitet dann in Teams gegeneinander.»

Hackathons gemäss der Hacker-Ethik

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Die Hacker-Ethik

Es gibt verschiedene Ansätze einer Hacker-Ethik, die alle in eine ähnliche Richtung gehen. Die bekanntesten sind die des US-Autors Steven Levy (1984), des Philosophen Pekka Himanen (2001) und des deutschen Chaos Computer Clubs.

Für Oderbolz ist aber viel wichtiger, sich bei einem Hackathon gemeinsam einer Idee zu widmen, um sie danach der Öffentlichkeit frei zur Verfügung zu stellen. Der Prototyp und der dazu gehörende Quellcode steht danach also allen zur freien Verfügung. Das sind die Grundprinzipien der «Open Data»- und der «Open- Source»-Bewegung – und in einem weiteren Schritt die Eckpfeiler der Hacker-Ethik. Demgegenüber stehen Hackathons, bei denen beispielsweise der Quellcode des Prototyps nicht veröffentlicht werden darf.

«Jugend hackt» will also zurück zu den Wurzeln – den jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurden deshalb bei einem Vortrag die Grundsätze der Hacker-Ethik erklärt. Stefan Oderbolz: «Es ist schon eine Art Gegenbewegung, die wieder das ursprüngliche Hacken in den Vordergrund stellt: sich kreativ mit Technik auseinandersetzen, Spass daran haben – ein Hobby ausüben.» Natürlich sei ein Wettbewerb nicht grundsätzlich schlecht, fügt er an, im Bereich von Hackathons sei es jedoch nicht sinnvoll.

Vorwissen: von Keins bis Lehre

Das Projekt «Jugend hackt» stammt ursprünglich aus Deutschland und hat nun zum ersten Mal in der Schweiz statt gefunden. Während drei Tagen haben 28 Jugendliche in kleinen Teams verschiedene Projekte zum Thema «Grenzen» entwickelt. Begleitet wurden sie von Medienpädagogen und zahlreichen Mentorinnen und Mentoren.

Das technische Vorwissen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer reichte dabei von null bis fortgeschritten, einige machen bereits eine Informatiklehre. Die Projektideen sind dementsprechend vielfältig: Eine Gruppe entwickelte ein textbasiertes Game, eine andere bastelte einen Roboter, der die Schweizer Grenze zeichnet, wieder eine tüftelte an einer Art smartem Veloschloss.

Ein Zettel auf einem grauen Pulli, im Hintergrund ein Computerbildschirm. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Alle Jugendlichen tragen Zettel auf ihren Rücken, die erklären, was sie an «Jugend hackt» machen wollen. SRF

Hacker-Nachwuchsförderung

Was die Jugendlichen nach den drei Tagen erreicht haben sollen, ist bewusst offen gefasst: Hauptsache, alle arbeiten an einem Projekt mit und können am Schluss den Prototypen mit nach Hause nehmen. Die jungen Hackerinnen und Hacker nehmen aus unterschiedlichen Gründen teil. Einige wollen Gleichgesinnte treffen, andere Neues lernen oder mehr über öffentlich verfügbare Daten erfahren.

Selbst wenn alle Mentorinnen und Mentoren ehrenamtlich arbeiten, ist «Jugend hackt» nicht ganz selbstlos: «Es geht auch ein bisschen um Nachwuchsförderung. Wir wollen den Jugendlichen beibringen, dass es diese öffentlich zugänglichen Daten überhaupt gibt, oder dass man den Quellcode eines Programms öffentlich teilen kann», so Oderbolz.

Dabei hätte sich «Jugend hackt» fast in dieselbe Richtung entwickelt wie die konventionellen Hackathons. Bei der Schlusspräsentation prämiert für gewöhnlich eine Jury die besten Projekte, es gibt einen kleinen Preis.

Doch die Schweizer Variante spricht sich klar dagegen aus. Oderbolz: «Wenn alle im Hinterkopf haben, dass es ein Wettbewerb ist, dann hat auch niemand den Anreiz, anderen Teams zu helfen. Wir wollen aber, dass sich die Jugendlichen auch untereinander helfen.»

Diese Wettberwerbshaltung hat auch Mitorganisator Tony Stamm beobachtet. Die Jugendlichen hätten bei anderen «Jugend hackt»-Veranstaltungen angefangen, ihre eigenen Ideen, den eigenen Code, wie ein Augapfel zu hüten – anstatt ihn mit den anderen Teams zu teilen. Also genau das, was «Jugend hackt» ursprünglich vermeiden wollte.