Hartnäckiger Virus «Unheilbar» erkältet

Was kann die heutige Medizin nicht alles – Krebskranke heilen, Gelenke austauschen, ja sogar Gene manipulieren. Nur die banale Erkältung heilt bis heute: nichts. Die Gründe.

Eine junge Frau schneuzt sich. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zwei- bis dreimal pro Jahr erwischt der «Pfnüsel» Erwachsene. Colourbox

Sie trifft so gut wie jeden – Jahr für Jahr, Erwachsene im Schnitt zwei- bis dreimal in zwölf Monaten, Kinder sogar doppelt so oft: Die Erkältung erfüllt das Kriterium für ein Volksleiden damit bei Weitem. Auch wenn die Apothekenregale vor Erkältungsmedikamenten bersten: Ärzte stehen im Kampf gegen den Pfnüsel mit leeren Händen da.

«Für viele Patienten ist das tatsächlich unbegreiflich: Wir können Herzen transplantieren, haben aber nichts, was ursächlich gegen Erkältungen wirkt», sagt Thomas Rosemann, Direktor des Zentrums für Hausarztmedizin am Unispital Zürich. Antibiotika, sonst bei vielen Infekten die Lösung des Problems, bringen hier nichts, denn der Grossteil aller grippalen Infekte wird durch Rhinoviren ausgelöst – und gegen die sind Antibiotika machtlos.

Wandelbarer Gegner

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Erkältungstipps vom Experten

  • Hände waschen und im ÖV Handschuhe anlassen. Erkältungen fängt man sich meist nicht über die Luft, sondern über Schmierinfektionen ein. Auch das Auge ist eine Eintrittspforte!
  • NSAR statt Paracetamol & Co.: Voltaren u.a. wirken antientzündlich, schmerzdämpfend und abschwellend.
  • Nasenspülungen schwemmen Viren aus, bevor sie Schleimhäute durchdringen.

200 bis 300 verschiedene Rhinoviren kursieren. Gut möglich, dass es sogar mehr sind, denn bislang hat sich niemand die Mühe gemacht, alle zu identifizieren. Das zu tun, würde einer Sisyphos-Arbeit gleichen, denn die an sich schon zahlreichen Virentypen sind noch dazu ständig im Wandel. Genau das ist das Problem, warum gegen die Virusinfektion bis heute kein Impfstoff entwickelt wurde. «Durch die Vielzahl und die ständigen Mutationen bräuchte es unendlich viele Impfseren und Medikamente, die man entwickeln müsste», umschreibt Thomas Rosemann das Dilemma.

Es scheint, als habe die Pharmaindustrie an der Entwicklung solcher ursächlich wirkender Medikamente auch kein wirkliches Interesse. «Mir sind keine Pharmaunternehmen bekannt, die in diese Richtung forschen würden, weil eben die Gegner, die Viren, so zahlreich sind und sich ständig verändern», so Rosemann. Hinzu kommt: Der Verlauf einer Erkältung ist relativ kurz und harmlos. Die Pharmabranche verdient mit ihrer symptomlindernden Medizin wohl mindestens genauso viel, wie sie mit einem virenbekämpfenden Medikament oder einem Impfstoff einnehmen würde. Solange Einsatz und Ertrag also nicht in einem gesunden finanziellen Gleichgewicht sind, hält sich die Pharmabranche bedeckt. Dabei hat sie aus der Historie gelernt, welche hochkomplexen Gegner auch weit verbreitete Viren sind.

Impfung nicht in Sicht

Beispiel Tamiflu: Das Grippemedikament konnte im breiten Einsatz an Patienten die Erwartungen nicht erfüllen, die die Datenlage der Studie vorgegaukelt hatte. Das Problem hierbei war: Patienten mussten das Medikament ganz am Anfang der Influenza-Infektion einnehmen. Bis sie aber realisiert hatten, dass sie an Grippe erkrankt waren, war der Zeitpunkt für eine schnelle Heilung durch Abtötung der Viren bereits verstrichen. Im Falle von Erkältungen wäre dieses Problem mindestens genauso komplex.

Auch im Hinblick auf Impfungen dient die Influenza als «Role model»: Pro Saison sind nur zwei bis drei Influenza-Virentypen im Umlauf, gegen die dann ein jährlich angepasster Impfstoff produziert wird. Auch wenn die Zahl gering erscheinen mag, ist ein Volltreffer bis zuletzt ein Glücksspiel. Im Winter 2014/2015 ging der Schuss daneben: Der damalige Impfstoff schützte vor dem tatsächlich grassierenden Influenzavirus nur wenig, weil das Virus mutiert war.

Geduld und Ruhe

Eben dieser Wandelbarkeit vieler Viren haben wir die Tatsache zu verdanken, dass uns auch in kurzen Abständen eine Erkältung erwischen kann. Unser Immunsystem steht dann immer wieder einem ihm unbekannten Gegner gegenüber, gegen den es erst wieder seine Waffen anpassen muss. Bis ihm das gelingt, braucht das Immunsystem mindestens eine Woche. Erkältungen bleiben also bis auf Weiteres vor allem ein Geduldsspiel. Denn bis dato müssen wir die Heilung ganz allein einem überlassen: unserem Körper.

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Die Grippewelle aus der Sicht des Hausarztes

2:07 min, aus Puls vom 9.1.2017