Aargau Solothurn: Industrie 4.0 wird konkret

Wenn Produkte mit Maschinen und Maschinen mit den Menschen «reden», dann ist man in der vierten industriellen Revolution angekommen. Die regionale Wirtschaft steckt schon mitten drin. Das sagen Stefan Studer (Gewerkschaft Angestellte Schweiz) und Markus Krack (Fachhochschule Nordwestschweiz).

Ein Arbeiter steht an einer Produktionsplattform, die sich selber bewegt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Industrie 4.0: Der Mensch ist Teil einer vernetzten Wertschöfpungs- und Produktionskette (VW-Produktion in Deutschland). imagostock

Stefan Studer ist etwas in Eile. Erst knapp vor Sendebeginn des Regionaljournals schaffte er es ins Studio in Aarau. Den Nachmittag hatte er in Olten verbracht an der Tagung «Industrie 4.0 – Zukunft der Arbeitswelt».

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Industrielle Revolutionen

  • Industrie 1.0: Mechanisierung dank Dampfkraft, Fabriken sind nicht mehr an Wasserläufe gebunden
  • Industrie 2.0: Elektrifizierung, Produktion am Fliessband
  • Industrie 3.0: Einsatz von Informationstechnologien, Computerisuerung der Wirtschaft, Roboter
  • Industrie 4.0: Industrielle Produktion verzahnt mit Internet und Kommunikationstechnik, Smart-Factory

Studer hatte die Tagung geleitet und auch selber organisiert. Er ist nämlich Geschäftsführer der Gewerkschaft Angestellte Schweiz. Industrie 4.0 sei ein überaus wichtiges Thema, sagt er. «Unsere Mitglieder haben Angst, dass ihre Jobs durch Maschinen ausgeführt werden.»

Die Gewerkschaft sehe in den neuen Entwicklungen aber überwiegend Chancen. «Die Industrie 4.0 soll getrieben sein durch die Schaffung von Arbeitsplätzen und nicht durch deren Vernichtung.»

Ganz vorne dabei, wenn es um die Vermittlung von Knowhow zu Industrie 4.0 geht, ist Markus Krack von der Fachhochschule Nordwestschweiz. In der Hochschule für Technik ist er der Leiter Technologietransfer.

Die Maschine wird etwas menschlicher

Eine seiner Kompetenzen sind «Sensor-Aktorsysteme». Ein durchschnittlicher Mensch kann sich darunter wenig bis gar nichts vorstellen. Markus Krack erklärt: «Ein Sensor ist ein Fühler – man kann damit zum Beispiel Temperaturen oder Luftfeuchtigkeit messen. Und ein Aktor löst eine Aktion aus. Die Maschien fühlt also etwas und löst dann die richtige Aktion aus – ähnlich wie ein Mensch.»

Heute würden Systeme hierarchisch organisiert, erklärt Markus Krack. «Es gibt eine Befehlsebene oben. Sie bestimmt etwas, dann wird unten ausgeführt. Und schliesslich meldet man nach oben zurück.» Er vergleicht es mit der Befehlskette in der Feuerwehr zum Beispiel: «Der Kommandant befiehlt, der Feuerwehrmann führt aus.»

Aber der Feuerwehrmann könne ja auch selber denken, so Krack. Und diese Erkenntnis treibe Industrie 4.0 an. «Die Maschine unten wartet nicht mehr auf den Befehl. Sondern sie merkt selber, dass zum Beispiel eine Produktionslinie frei ist und man diese jetzt nutzen könnte.»

Angst und Hoffnung beim Arbeitnehmer

Markus Krack und Stefan Studer wollen nicht von einer «Revolution» sprechen in der Industrie, sie nennen es «Update». «Wir nutzen das Internet, damit die Maschinen miteinander sprechen können», so Krack.

Wenn Maschinen selber miteinander kommunizieren, wird dann der Mensch als Arbeitskraft überflüssig? «Die Maschine wird nie krank, sie braucht keine Überstunden, sie stellt keine Lohnforderungen. Ja, natürlich macht mir das Angst», gibt Stefan Studer zu.

«Wir haben noch keine Antworten auf sehr viele Fragen. Zum Beispiel zum Thema Datensicherheit bei solchen Systemen.» Aber Studer sieht auch grosse Chancen für die Schweiz. «Wir haben eine starke industrielle Struktur, wir haben ein gutes Bildungssystem, wir haben Fachkräfte. Das sind gute Voraussetzungen, um in dieser Industrie 4.0 zu reüssieren.»

Bildung heisst das Zauberwort

So oder so: Das ganze Thema sei noch «sehr theorielastig», gibt auch Experte Krack von der Fachhochschule zu. Aber erste Schritte seien gemacht: «Die Logistik der Grossverteiler zum Beispiel ist bereits sehr stark digitalisiert.» Wichtig sei, dass die Firmen jetzt nicht einfach zuwarten, sondern investieren und ausprobieren.

Dasselbe gelte auch für die Arbeiterinnen und Arbeiter, meint Stefan Studer. «Man muss sich weiterbilden.» Sicherlich würden Berufsbilder verschwinden, aber neue Berufsbilder würden entstehen.

Auch die Experten an der Oltner Tagung diskutierten lange über Bildung. Unter anderem wurde die Forderung laut, das Bildungssystem an die Herausforderungen der 4. industriellen Revolution anzupassen.

Auch die Aargauer Politik debattiert

Fragen mit der gleichen Stossrichtung hatte kürzlich auch die Aargauer Regierung zu beantworten. Verschiedene Grossräte wollten wissen, wie gut der Aargau auf Industrie 4.0 vorbereitet sei.

Gundsätzlich gut bis sehr gut, antwortete die Regierung. Ein wichtiger Pfeiler sei dabei das Hightech Zentrum Aargau. Auch an der Fachhochschule Nordwestschweiz sei schon sehr viel Knowhow in diesem Bereich vorhanden.

Die Regierung listet eindrückliche Zahlen auf:

  • Pro 20 Stellen, die durch Industrie 4.0 verloren gehen, würden 13 neue entstehen.
  • Ein Viertel aller Stellenprofile werde sich in den nächsten fünf bis sieben Jahren durch Industrie 4.0 verändern.
  • Neue Arbeitsplätze würden in der Überwachung, Wartung und Steuerung von Maschinen und Systemen geschaffen.
  • Neue Berufe würden entstehen und über alles gerechnet könnte die Beschäftigung zunehmen.
  • 62 Prozent der Schweizer Firmen würden sich mit dem Thema Industrie 4.0 beschäftigen. Erst 18 Prozent hätten aber mit der Umsetzung von Einzelprojekten begonnen.

Die Tagung in Olten, die Expertenrunde im Radiostudio und die politischen Vorstösse zum Thema zeigen: Industrie 4.0 wird unsere Region und die ganze Schweiz in den nächsten Jahren weiter beschäftigen.