Durch Tal und Wald: ETH entwirft transalpine Eisenbahnlinie

Seit über 100 Jahren träumt Graubünden von einer neuen Zugsverbindung. Wie wäre es, wenn man von Scuol per Zug nach Mals (IT) und Landeck (A) reisen könnte? Bisher gab es Pläne für kilometerlange Tunnels. Einen völlig neuen Ansatz hat am Mittwoch die ETH in Chur präsentiert.

Normalerweise planen Architekturstudenten Häuser. Die beiden ETH-Professoren Marcel Meili und Günther Vogt gingen diesen Frühling einen anderen, unkonventionellen Weg. Zusammen mit dem renommierten Brückenbauer und Ingenieur Jürg Conzett boten sie ein Entwurfsstudio an. Die Aufgabe: Der Entwurf einer transalpinen Eisenbahnlinie, ein Dreieck zwischen Scuol (CH), Mals (IT) und Landeck (A).

Motor für das ungewöhnliche Projekt an der Schnittstelle zwischen Architektur, Landschaftsfragen und Ingenieurswissen sei die Neugier gewesen, wie eine solche Bahnlinie aussehen würde, so Jürg Conzett: «Ich habe das Gefühl, es kommt heute überhaupt niemandem mehr in den Sinn, über eine oberirdische Bahnlinie nachzudenken».

In Dreiergruppen entwickelten die Studierenden verschiedene Linienführungen, die sich teilweise stark unterscheiden. Während beispielsweise eine Gruppe eine Dorfbahn favorisierte, die bei jedem Unterengadiner Dorf anhält, fokussierten andere auf eine Panoramabahn quer durch den Wald, mit Bahnhöfen nur für Wanderer.

Diskussion über das Potential einer solchen Bahn

Oberirdisch, mit Bezug zur Landschaft, genauo so habe man vor 100 Jahren die Rätische Bahn gebaut, sagte im Anschluss an die Podiumsdiskussion Karl Baumann, Bauingenieur und Leiter Kunstbauten bei der RhB. Eine Verbindung nach Italien und Österreich wäre genial, doch müsse ein solches Projekt die grundsätzliche Frage klären – wolle man eine schnelle Verbindung und damit auch Tunnels, oder setze man auf das Panorama und damit auf das Erlebnis des Reisens.

Von einem grossen Potential spricht Konrad Messner, Regionalentwickler aus Mals. Eine solche Bahn könnte für die Region identitätsstiftend sein. Sie könnte Touristen in die Region bringen, aber gleichzeitig auch das Leben in den Tälern für die Einheimischen lebenswerter machen.

Die Studierenden haben in diversen Projekten auch die Möglichkeiten für neue Bauten im Zusammenhang mit einer Bahnlinie ausgelotet. Für Architekturstudent Ursin Huonder wäre es wichtig, die Jugendlichen im Tal zu halten und die Abwanderung zu bremsen. Er schlägt deshalb vor, in Tschlin eine Lehrwerkstatt zu bauen. Wenn die Unterengadiner Dörfer mit einer Bahn verbunden wären, könnten Jugendliche diese Ausbildungsstätte deutlich einfacher erreichen.

Ist ein grosser Wurf im 21. Jahrhundert noch möglich?

Diskutiert wurde auf dem Podium, ob heute eine oberirdische Bahnlinie überhaupt noch realisierbar ist. Es sei eine Frage der Perspektive, meinte Jürg Ragettli, Architekt und ehemaliger Präsident des Bündner Heimatschutzes. Gute Architektur und gelungene Ingenieursbauten könnten ein Tal aufwerten und es ermöglichen, eine Landschaft neu zu erleben, dies zeige das Beispiel Rhätische Bahn.

Und trotzdem, die Hürden sind hoch. Im Unterengadin existiert beispielsweise ein BLN-Gebiet – eine besonders streng geschützte Landschaft. Für Jürg Conzett ist fraglich, ob ein solches Projekt – nicht als Tunnel, sondern in der Landschaft – noch realisierbar sei: «Nicht die Kosten sind das Problem. Sondern die Frage, ob ein solches Projekt in unseren bürokratischen Strukturen möglich ist». Sobald man oberirdisch agiere, würden sehr viele Leute mitreden.

Ist der grosse Wurf noch möglich? Moderatorin Karin Salm wollte gestern vom Publikum wissen, ob sie eine Aktie für ein solches Bahnprojekt zeichnen würden. Zumindest gestern hielten nur wenige die Hand hoch.

SRF1, Regionaljournal Graubünden, 17:30 Uhr; habs