Fall Tschanun: Ein Buch rollt die Bluttat nochmals auf

30 Jahre ist es her, seitdem der damalige Chef der Zürcher Baupolizei vier Mitarbeiter erschoss und einen Fünften schwer verletzte. Der Fall Tschanun erschütterte die Schweiz. Ein Gerichtsreporter erinnert sich.

Es war der 16. April 1986. An den Tag der Tat kann sich Nicolas Lindt nicht mehr erinnern. Der damalige Gerichtsreporter und Kolumnenschreiber der «Schweizer Illustrierten» hat nun den Fall Tschanun im Buch «Von Schuld und Unschuld» nachgezeichnet. Er schildert darin seine persönlichen Eindrücke über die Aufarbeitung des tragischen Vorfalls im Zürcher Amtshaus IV.

«Kein Mobbingopfer»

Was für ein Urteil ist bei einer solchen Straftat gerecht, ist die Hauptfrage, die den Autor – damals wie heute – umtreibt. Wo beginnt die Eigenverantwortung, wo die Entlastung? Der Täter, Günther Tschanun, hatte sich selbst als Opfer gesehen, heute würde man von Mobbing-Opfer sprechen. Völlig zu Unrecht, findet Lindt.

Den grössten Raum nimmt in Lindts Buch die Gerichtsverhandlung am Zürcher Obergericht ein, die 1988 gegen Günther Tschanun geführt wurde. Nicolas Lindt hatte ihr selbst als Reporter beigewohnt. Noch heute empfindet der Autor es als unheimlich, wie der Angeklagte während des ganzen Prozesses praktisch keine Miene verzog. Einzig als der Gerichtspräsident den Saal wegen eines Bombenalarms räumen liess, habe Tschanun verunsichert und verloren gewirkt.

Erst das Bundesgericht entscheidet auf Mord

Das Zürcher Obergericht fällte ein verhältnismässig mildes Urteil: 17 Jahre Haft wegen vorsätzlicher Tötung. Lindt erinnert sich an einen auffallend pfleglichen Umgang des Gerichts mit dem Angeklagten. Während der Verhandlung seien nur sehr wenige kritische Fragen gestellt worden. Immerhin habe einer der Richter einmal wissen wollen, weshalb sich Tschanun nach der Tat nicht selbst erschossen habe.

Die Anklage zog das Urteil erfolgreich ans Bundesgericht weiter. Dieses klassierte die Tat als Mord und schickte Günther Tschanun für 20 Jahre ins Gefängnis.

Neue Identität, neues Leben

Tschanun wurde im Jahr 1999/2000 vorzeitig aus der Haft entlassen. Er erhielt eine neue Identität, einen Namen. Wo er sich seither aufhält, ist nicht bekannt. Nicolas Lindt: «Niemand weiss, was aus Günther Tschanun geworden ist. Sein Aufenthaltsort ist unbekannt.» Es gebe zwar Spekulationen, dass er sein Gesicht habe verändern lassen. Er habe aber ein Recht auf Vergessen, seine Strafe habe er ja abgesessen.

Trotzdem bleibe sein Eindruck, dass das Justizsystem in der Schweiz manche Täter hart angeht, andere dagegen schont und entlastet, resümiert Lindt. Ein Thema, das auch heute noch aktuell sei.

(simd; Regionaljournal Zürich Schaffhausen, 17:30 Uhr)