Absage an Kopftuchverbot: Zwiespältige Reaktionen

Das Bundesgericht hält das Kopftuchverbot an einer Thurgauer Schule für unzulässig. Und nun? Fortschrittliche Musliminnen trauern dem Verbot nach. Selbst Gegnerinnen warnen vor mehr religiösem Druck. Erleichtert ist der Lehrerverband.


Ein muslimisches Mädchen mit Kopftuch beim Schreiben. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ohne Kopftuch verbot in Schulen, werde der familiäre Druck wachsen, sagen Kritikerinnen. Keystone

Nein zum Kopftuchverbot. So urteilt das Bundesgericht in letzter Instanz. Ein «kluges Urteil», findet der Präsident des Schweizer Lehrerverbandes, Beat Zemp. Der Rechtsstreit gehe damit zu Ende und die Schulen könnten sich daran orientieren, stellt er gegenüber SRF fest.

Zufrieden ist auch der Anwalt der beiden Musliminnen, die sich über das Verbot beschwerten. Daniel Vischer sagt: «Meine Klientinnen haben Recht bekommen.» Zur Begründung des Bundesgerichts aber meint er: «Es hat sich letztlich vor einer klaren Stellungnahme zum Kopftuchverbot gedrückt.»

Gelassen reagiert der Präsident des Schulrats der Volksschulgemeinde Bürglen, Rolf Gmünder: «Jetzt haben wir Klarheit und genau das wollten wir.» Seine Volksschulgemeinde war es, die den Fall vor das Bundesgericht zog – und nun abblitzte.

Weniger Abgrenzung

Die Islamwissenschaftlerin Amira Hafner-al Jabaji, eine moderne Muslimin, die sich auch im interreligiösen Dialog engagiert, findet den Entscheid des Bundesgerichts richtig. Nach ihren Worten wäre ein Kopftuchverbot kontraproduktiv gewesen, hätte nur den Ruf nach privaten muslimischen Einrichtungen verstärkt und damit die Abgrenzung gefördert. Es sei deshalb das Beste, wenn auch muslimischen Mädchen mit Kopftuch ungehindert die Volksschule besuchen könnten.

Religiöses Korsett wird enger

Enttäuscht reagiert dagegen Saida Keller-Messahli vom Forum für einen fortschrittlichen Islam. Sie spricht von einer «verpassten Chance», muslimische Mädchen auch in der Schule vor familiärem religiösem Druck zu schützen. «Denn es ist sehr selten, das Mädchen das Kopftuch freiwillig tragen», betont Keller-Messahli.

Selbst Islamwissenschaftlerin Hafner-al Jabaji räumt ein, das nach dem Urteil Wachsamkeit gefragt sei: «Wir müssen nun aufpassen, dass der Druck auf muslimische Mädchen nicht wächst, die kein Kopftuch tragen.»

Einen Freipass sieht denn auch Lehrerpräsident Zemp im Bundesgerichtsurteil nicht. Ein Kopftuch sei zwar zulässig. Aber Schleier, die das ganze Gesicht bedeckten wie die Burka oder der Nikab, würde er nicht akzeptieren.

Zemp: Lehrerinnen mit Kopftuch inakzeptabel

Andere Masstäbe setzt Zemp auch für Lehrerinnen: «Diese müssen ohne Kopftücher und andere religiöse Symbole unterrichten, denn sie sind Repräsentantinnen des säkularen Staats.»