Ärzte und Boni: Jeder Eingriff zählt

Immer häufiger operieren Ärzte vor allem dann, wenn es gutes Geld gibt. Der Grund dafür ist ein Phänomen, das man bisher vor allem aus der Bankenwelt kannte: Boni als Anreize.

Mann in OP-Kleindung von hinten, er steht vor einem Ständer mit einem daran hängenden Tropf. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Weg zu einem volleren Konto führt von A wie Arzt über O wie Operation zu B wie Bonus. Keystone

Es wirkt tatsächlich, als hätten sich die Spitäler bei den Banken angesteckt: Sie belohnen nicht bloss immer mehr Ärzte mit Boni, die Boni steigen auch immer stärker. Heute bekommt ein Viertel aller Mediziner im Spital einen Bonus fürs häufige Operieren – so steht es in einer neuen Studie der Ärztegesellschaft FMH.

Und zum Thema Höhe der Boni schreibt die FMH, dass die leistungsabhängige Prämie bei den Chefärzten bereits ein Viertel des ganzen Lohns ausmache – Tendenz steigend. Das gefällt FMH-Vorstandsmitglied Pierre-François Cuénoud nicht: «Die Gefahr ist die, dass man überflüssige oder unnötige Behandlungen macht. Das ist gefährlich und selbstverständlich nicht gut für die Patienten.»

Knapp ein Prozent der Behandlungen sind unnötig

Überflüssig seien zwar erst 0,9 Prozent aller Behandlungen, sagt die Ärztegesellschaft, und beruft sich auf Umfragen bei ihren Mitgliedern. Unabhängige Erhebungen zur Anzahl unnötiger Behandlungen gibt es nicht. Gesundheitsökonomen nehmen denn auch an, dass in der Medizin bereits weit mehr Überflüssiges gemacht wird.

Wie auch immer: Für FMH-Mann Cuénoud ist klar, dass es so nicht weitergehen darf. Ebenfalls klar ist für ihn allerdings, dass es nicht in der Macht der Ärzte liegt, die Boni abzuschaffen. Denn – wie so oft – sind höhere Mächte am Werk; wirtschaftliche Zwänge in diesem Fall: «Es gibt eine allgemeine Steigerung an Bedarf, und die finanziellen Mittel wachsen nicht so schnell wie der Bedarf.»

«  Die Anreize werden oft von Verwaltungsräten gesetzt, bei denen eher unternehmerische als medizinisch-fachliche Kriterien im Vordergrund stehen. Das ist problematisch. »

Heinz Locher
Gesundheitsökonom

Die Menschen werden älter, die medizinischen Geräte teurer, es gibt immer mehr davon und die Spitäler konkurrenzieren stärker miteinander als früher. Deshalb investieren sie viel Geld und müssen dieses auch wieder herausholen. Sonst droht der «klinische Tod» – vor allem den kleinen Spitälern auf dem Land, sagt Cuénoud: «Vor einem Spitalschluss wird man noch findig und die Direktion sieht sich gezwungen, grosse Bonianteile zu versprechen, um mehr Umsatz zu machen.»

Appell an die ethischen Grundsätze der Ärzte

Das Spital Einsiedeln ist so ein kleines Spital. Sein Direktor Reto Jeger gibt zu, dass es bei den Boni vor allem darum gehe, als Spital im Wettbewerb zu überleben; darum, Patienten nach Einsiedeln zu locken. Wegen der Boni gebe es grundsätzlich auch die Gefahr überflüssiger Eingriffe, sagt er. «Dem steht aber die hohe ärztliche Ethik gegenüber, die nur Behandlungen zulässt, die auch tatsächlich nötig sind.»

Natürlich: Als Klinikdirektor muss Jeger an die ärztliche Ethik appellieren. Einer, der daran nicht glaubt, ist der Gesundheitsökonom Heinz Locher. «Diese Anreize werden häufig von den Verwaltungsräten gesetzt, bei denen eher unternehmerische als medizinisch-fachliche Kriterien im Vordergrund stehen. Das ist problematisch.»

Auch Kantone als Spitalbesitzer machen Druck

Hinter den Verwaltungsräten der Spitäler stehen oft die Kantone. Die mischten kräftig mit und sorgten dafür, dass dank Boni in ihren eigenen Spitälern möglichst oft operiert werde und möglichst bekannte Ärzte das Skalpell in die Hand nähmen.

Namen will Locher keine nennen. Dafür schlägt er eine Lösung vor: Boni sollen in Zukunft – wenn überhaupt – nicht mehr fürs häufige Operieren fliessen, sondern für gute Arbeit. «Beispielsweise für die Patientensicherheit, Hygiene, Qualität der Behandlung oder die Zufriedenheit von Patientinnen und Patienten. Es gibt einen ganzen Kreis von meines Erachtens sinnvollen Kriterien.»

Kriterien, die auch Jeger, der Spitaldirektor von Einsiedeln, für sinnvoll erachtet: «Das fände ich eine gute Idee. Es würde etwas von dieser eindimensionalen Leistungskomponente relativieren.» Und er ist auch durchaus bereit, seine Lohnpolitik zu überdenken. Allerdings brauche dies Zeit, und im Moment seien die Spitäler stark mit anderen Dingen beschäftigt, etwa mit Investitionen in Geräte und Gebäude. Es dürfte also noch dauern, bis die Boni für Ärzte wieder sinken.