Bub oder Mädchen? Vergangenheitsbewältigung am «Kispi»

Früher nannte man sie «Zwitter». Heute spricht man bei Menschen, die ohne eindeutiges Geschlecht geboren werden, von Intersex-Menschen. Erstmals wird nun in einer Studie der Umgang der Schweizer Medizin mit Intersexualität untersucht.

Strassenschild zum Kinderspital und zum Notfall. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Zürcher «Kispi» gibt zu, dass Fehler gemacht wurden. Eine Studie soll nun Klarheit bringen. Keystone

In der Schweiz kommen gemäss Bund jedes Jahr rund 40 Kinder zur Welt, die ohne klar bestimmbares Geschlecht geboren werden. In der Vergangenheit drängten Ärzte darauf, die Kinder so rasch wie möglich dem einen oder anderen Geschlecht zuzuordnen – notfalls mit Operationen an der Klitoris oder der Harnröhre.

Das Kinderspital Zürich will nun in einer grossen Nationalfonds-Studie aufarbeiten, wie es zwischen 1945 und 1970 mit Intersex-Kindern umgegangen ist und daraus Lehren für die aktuelle Behandlung ziehen. Den Anstoss zur Studie hat der Verein Zwischengeschlecht gegeben, eine Selbsthilfe-Organisation für Intersex-Menschen und deren Angehörige.

Der Verein hat das Spital in der Vergangenheit scharf kritisiert. Markus Bauer von Zwischengeschlecht spricht von Genitalverstümmelung und meint damit vor allem medizinisch unnötige Genitaloperationen ohne Einwilligung – inklusive Amputation der Klitoris. «Für uns ist es wichtig, dass man die Vergangenheit anschaut, sie aufarbeitet und sich so auch das Unrecht, das den Kindern angetan wurde, vergegenwärtigt.»

«Es sind sicher Fehler passiert»

Auch Rita Goblet, die Leiterin der Urologie am Kinderspital, begrüsst die Studie des Nationalfonds. Denn in der Vergangenheit seien Kinder ohne genaues Geschlecht tatsächlich nicht immer richtig behandelt worden. «Man ist von einer falschen Annahme ausgegangen, dass man etwas erreichen kann, wenn man ein Kind ab Geburt mit medizinischen Massnahmen in eine gewisse Richtung drängt, sei es Mann oder Frau.» Es habe sich herausgestellt, dass diese Annahme falsch war, so Goblet. «In dem Sinn sind sicher Fehler passiert.»

Im Laufe der Jahre habe das Kinderspital dies aber erkannt. Heute entscheide nicht mehr einfach nur ein einzelner Arzt, was mit Intersex-Kindern geschehe, sondern ein ganzes Gremium von Experten. Und es werde auch nicht mehr so schnell operiert, so Goblet weiter: «Da ist man jetzt viel zurückhaltender geworden und macht sicher keine Eingriffe mehr, die dann den einen oder anderen Weg erschweren oder gar verunmöglichen.»

Leiden unter negativen Folgen

Aber trotzdem: Operative Eingriffe zur Geschlechtszuordnung gibt es auch heute noch, auch bei Kleinkindern. Dies müsse auf gesetzlicher Ebene verhindert werden, fordert Bauer vom Verein Zwischengeschlecht. «Es geht um Selbstbestimmung und Achtung der körperlichen und seelischen Unversehrtheit der Betroffenen.»

Zwar würden die wenigsten darunter leiden, dem falschen Geschlecht zugewiesen worden zu sein, so Bauer. «Hingegen leiden die meisten darunter, dass über sie bestimmt wurde, dass an ihrem Körper etwas verändert wurde, was meistens lebenslange Folgen hat – meistens negative – und sie nie dazu befragt wurden.»

Der Umgang mit Intersex-Kindern ist ein dunkles Kapitel der jüngeren Schweizer Medizingeschichte. Mit der Studie des Nationalfonds zum Kinderspital Zürich wird es nun erstmals richtig aufgearbeitet. Die Ergebnisse werden in frühestens zwei Jahren erwartet. Dann soll die Diskussion zur Intersexualität neu beginnen.