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Bundesgerichtsurteil Tod in 98 Metern Tiefe: Ab wann gilt ein Tauchunfall als Wagnis?

Bisher galten Tauchgänge mit tödlichem Ausgang nicht als Unfall. Das Bundesgericht sieht das nun anders.

Das Unglück: Ein Taucher stirbt im Sommer 2022 nach einem Tauchgang zu einem Schiffswrack in 98 Metern Tiefe in Italien. Nach wenigen Minuten beim Wrack tauchte er aus nicht geklärten Gründen innerhalb von sechs Minuten an die Oberfläche zurück. Seine Partner brauchten dafür zwei Stunden. Dies geht aus einem neuen Urteil des Bundesgerichts hervor. Oben angekommen konnte der Mann noch um Hilfe rufen und fiel anschliessend in Ohnmacht. Während des Helikopterfluges ins Spital verstarb er. Das schnelle Auftauchen hatte zu einer Schädigung der Lunge und einem dadurch verursachten Herz-Kreislauf-Stillstand geführt.

Ein Taucher schwimmt an der Wasseroberfläche eines Sees.
Legende: Taucher beim Wintertauchen im Bodensee: Das kühle Wasser und die Seetiefen machen das Tauchen in der Schweiz anspruchsvoll. KEYSTONE/Michael Buholzer

Der Gerichtsfall: Die Versicherung des Tauchers verweigerte der Witwe nach dessen Tod die Hinterlassensleistungen. Mit der Begründung, es liege kein Unfall vor. Die bisherige Rechtsprechung stützte das. Die Witwe erhob Einsprache bis vor Bundesgericht. Dieses urteilt nun anders: Bei extremen Tiefen wie rund 100 Metern würden massive Druckveränderungen auf den Körper wirken. Der sehr schnelle Aufstieg habe innerhalb weniger Minuten zu schweren Organschädigungen geführt. Anders als bei früheren Fällen mit deutlich geringerer Tauchtiefe sei dieses Ereignis ungewöhnlich und plötzlich. Im rechtlichen Sinn sei der Tauchgang somit als Unfall zu qualifizieren, so das Bundesgericht in seinem Urteil.

Schwere Tauchunfälle in der Schweiz

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28.09.2025 Ein 44-jähriger Polizeitaucher verunglückt während einer Suchaktion in der Limmat bei Dietikon ZH tödlich.

15.09.2025 Im Zürichsee bei Herrliberg verunglückt ein Taucher schwer, jedoch ohne Todesfolge.

02.07.2025 Ein Taucher gerät im Thunersee bei Gunten BE auf einem Tauchgang in Not. Von seinem Tauchpartner und weiteren Personen kann er geborgen werden, stirbt aber noch am Unfallort.

21.03.2025 Zwei Taucher steigen bei einem Tauchgang im Zugersee bei Arth SZ zu rasch auf. Der eine unkontrolliert, der andere folgt mit Notaufstieg. Beide zeigen Symptome einer Dekompressionskrankheit und werden in eine Druckkammerklinik gebracht.

03.11.2024 Ein Höhlentaucher taucht im Bleniotal TI in einer Höhle auf über 40 Meter Tiefe ab und nicht wieder auf. Der Leichnam wird am Abend der Rettungsaktion rund 200 Meter vom Höhleneingang gefunden.

Die Folgen des Urteils: Der frühere Entscheid, dass die Versicherung rechtmässig die Hinterlassensleistungen verweigerte, wurde durch das Urteil nun aufgehoben. Nicht geprüft hat das Bundesgericht die Frage, ob der Tauchgang in dieser grossen Tiefe ein Wagnis gewesen sei. Ein Wagnis ist eine Handlung, bei der sich eine Person bewusst in eine besonders grosse Gefahr begibt. Tauchen ab einer Tiefe von 40 Metern gilt gemäss der Rechtsprechung des Bundesgerichts als Wagnis. Bei einem Wagnis kann es zu Leistungskürzungen oder -verweigerungen kommen. Die Versicherung muss diesen Aspekt nun prüfen.

Taucher im dunklen Seewasser
Legende: In extremen Tiefen herrschen extreme Druckverhältnisse auf die Taucher. Als absolutes Wagnis gilt, dass das Risiko nicht auf ein vernünftiges Mass reduziert werden kann. KEYSTONE/Valentin Flauraud

Das sagen die Taucher: Jürg Baumgartner, Geschäftsführer des Schweizer Unterwasser-Sport-Verbands SUSV, erklärt auf Anfrage von SRF, dass die mit Abstand häufigsten Ursachen für Zwischenfälle beim Tauchen keinen taucherischen Hintergrund hätten. So habe eine Herzschwäche wenig mit Tauchen zu tun. Passiere dies jedoch in 20 Metern Tiefe, sei die Brisanz eine ganz andere, da man jemanden zuerst an die Oberfläche bringen müsse, bevor man handeln könne. Häufig sei es auch der Aspekt Mensch: Fehleinschätzung, Selbstüberschätzung, fehlendes inneres Ohr, um auf sich zu hören, und Ähnliches. «Die Folge sind Stresssituationen bis Panik, die dann zu unkontrollierten Handlungen führen und in ein Problem münden», sagt Jürg Baumgartner. Technikfehler hingegen gebe es kaum. Und falls doch, sei ein technisches Problem auch eher die Folge von nicht korrekter Wartung.

Tauchunfälle: Zahlen und Gefahren

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Zwischenfälle beim Tauchen treten oft in beliebten und anspruchsvollen Tauchgebieten auf, wie Ägypten, den Malediven oder Australien. Gründe sind starke Strömungen, Unfälle mit Meerestieren oder unzureichende Betreuung durch lokale Veranstalter.

In der Schweiz sind die Risiken anders: Tiefe Bergseen mit kaltem Wasser, schlechte Sicht und anspruchsvolle Aufstiegsbedingungen machen das Tauchen in der Schweiz herausfordernd.

Gemäss der Beratungsstelle für Unfallverhütung BFU ertrinken beim Tauchen in der Schweiz jährlich durchschnittlich drei Personen und eine weitere stirbt an den Folgen eines Dekompressionsunfalls. Werden nur die Flüsse betrachtet, starben zwischen 2006 und 2015 beim Flusstauchen sechs Personen. Zwischen 2000 und 2016 starben beim Tauchen im Ausland 14 Menschen mit Wohnsitz in der Schweiz.

Regionaljournal Ostschweiz, 13.2.2026, 12:03 Uhr

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