Pendlerinnen und Pendler reisen von A nach B. Ganz anders der Bus der Linie Null, der aktuell in der Region Baden AG unterwegs ist. «Ein Bus ohne Ziel, ohne Fahrplan, aber voller Möglichkeiten» – das die Idee der St. Galler Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin.
Die Mitfahrt im Bus ist gratis. Er startet am Bahnhof Baden, aber auch Zusteigen unterwegs ist erlaubt. Das Projekt kehrt das Prinzip des ÖV gemäss den Initianten bewusst um: «Das vorsätzliche Falschfahren wird zum Ereignis.»
Die Riklin-Brüder wollen dem Optimierungswahn und -druck entgegenhalten. Die Passagiere sollen aus dem Alltag ausbrechen.
Internationale Medien berichten
Das Medienecho ist gross; auch international ist über das Kunstprojekt berichtet worden. «Medien aus China, den USA, Australien und Indien berichten über den Gratisbus ohne Ziel und feste Routen», so die «Aargauer Zeitung».
Bus ins Nirgendwo in der Sendung Inside Edition/CBS
Die zuständigen Regionalen Verkehrsbetriebe Baden-Wettingen (RVBW) wurden vom Erfolg überrascht. «Es war ein Wagnis, der internationale Anklang hat uns überrascht», sagt Irina Leutwyler, Direktorin der RVBW.
Neugierige und Schulklassen
Seit Ende April ist die Linie Null unterwegs, noch bis zum 16. Mai. Um 11:30 und 15:30 Uhr ist jeweils Abfahrt.
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Bild 1 von 3. Es fahren viele Schulklassen mit, aber nicht nur, heisst es bei den RVBW. Diese drei Damen sind aus der Region und hoffen bei der Fahrt am Mittwoch auf einen Sitzplatz. Bildquelle: Konzeptkünstler.
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Bild 2 von 3. Nicht alle kommen im Bus ins Gespräch. Gewisse filmen, andere hören zu oder geniessen die Aussicht. Man könne eine solch spontane Fahrt nicht stundenlang machen, sagen die Zuständigen der RVBW. Aber für eine bestimmte Zeit funktioniere es gut. Bildquelle: Konzeptkünstler.
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Bild 3 von 3. Wer steigt sonst schon freiwillig in einen vollen Bus? Bei der Linie Null ist der Platz offenbar kein Thema. Bildquelle: Konzeptkünstler.
An diesem Vormittag sind so viele Passagiere für die Fahrt ins Unbekannte bereit, dass die zuständigen RVBW kurzerhand umdisponieren müssen. Rund 100 Personen wollen mit. Alle passen unmöglich in einen Bus, es braucht einen zweiten. Mit etwas Verspätung geht die Fahrt dann los.
Buschauffeur Pascal Zandonella begrüsst die Menge. Der Bus ist voll, die Destination unbekannt, die Stimmung heiter.
Small Talk, Singen, Kreisel-Gaudi
Vor allem die stehenden Passagiere kommen miteinander ins Gespräch. Viele sind aus der Region, aus Ennetbaden, Wettingen, Kleindöttingen, Baden. Andere sind von weiter her aus dem Aargau angereist, aus Wohlen zum Beispiel.
Dann wird der Small Talk im Bus kurz unterbrochen. Buschauffeur Pascal Zandonella lässt via Lautsprecher ein Lied laufen: «Tage wie diese …», von den Toten Hosen. Die Menge singt mit.
Unterdessen ist die Linie Null in Rieden angekommen. Im Bus mit dabei sind auch die beiden Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin. Der Bus hält an der Haltestelle Limmatsteg – etwas frische Luft in den vollen Bus pumpen, meint der Chauffeur.
Die Riklin-Brüder nutzen die Pause, packen die mitgebrachte Leiter aus und bekleben die Haltestelle mit einer Null. Reise ins Nirgendwo steht auf dem Kleber.
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Bild 1 von 4. Der Bus hält in Rieden AG an. Verschnaufen, frische Luft schnappen – für die beiden Konzeptkünstler heisst es: arbeiten. Bildquelle: SRF/Christiane Büchli.
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Bild 2 von 4. Sie nehmen die im Bus mitgeführte Leiter und wollen die Haltestelle beschriften. «Hier hält auch die Buslinie Null» ist die Nachricht, die sie hier anbringen möchten. Bildquelle: SRF/Christiane Büchli.
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Bild 3 von 4. Welcher Slogan passt am besten? Die mitfahrenden Passagiere dürfen mitentscheiden. Bildquelle: SRF/Christiane Büchli.
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Bild 4 von 4. Wackelige Angelegenheit: Frank und Patrik Riklin reinigen das Schild, dann wird ihr Klebstreifen mit dem Slogan angebracht. Man spürt, die beiden machen das nicht zum ersten Mal. Bildquelle: SRF/Christiane Büchli.
Und dann folgt ein Highlight. Da zwei Linie-Null-Busse unterwegs sind, treffen sie sich in Wettingen an einer Haltestelle. Sie fahren gemeinsam los, in den Kreisel und kreisen und kreisen. Man winkt dem anderen Bus zu. «Einmal um den Kreisel, schalalalala, zweimal um den Kreisel, schalalala!», singen alle lautstark.
Die Stimmung im Bus steigt – den Konzeptkünstlern gefällt’s. Ausbrechen aus dem Alltag, lachen mit Fremden, für eine Weile funktioniert’s. Nach rund anderthalb Stunden ist die Linie Null wieder am Bahnhof. Viele steigen aus, andere fahren nochmals ins Unbekannte.
Was die Konzeptkünstler und die Verkehrsbetriebe aber herausfinden möchten, ist, ob die Linie Null «nur» ein Hype ist, oder ob sich die Idee nachhaltig umsetzen lässt. Das Institut für Mobilität der Universität St. Gallen wertet die Daten aller Fahrten aus. Wenn das Projekt in Baden Erfolg hat, soll die Linie Null auch in anderen Städten fahren.