Das Aquarell zeigt sanfte Berglandschaften – ein beliebtes Motiv von Cézanne. Doch die vermeintlich idyllische Darstellung steht in hartem Kontrast zur mutmasslich dramatischen Geschichte des Werks.
Laut dem renommierten Provenienzforscher Willi Korte ist die Herkunft des Kunstwerks eindeutig problematisch. Das Kunstwerk weist während der Nazizeit bis in das Frühjahr 1939 eine gut dokumentierte Geschichte auf.
«Mindestens Fluchtgut, möglicherweise Raubgut»
«Daraus kann man eindeutig entnehmen, dass es sich mindestens um Fluchtgut handelt, möglicherweise aber auch um Raubgut, während der deutschen Besetzung von Paris», sagt Kunstdetektiv Korte. Die Geschichte des Aquarells sei in Schweizer Archiven dokumentiert. Denn 1936 wurde es schon einmal in Basel ausgestellt.
Wem das Aquarell heute gehört, ist nicht bekannt. Es befindet sich in Privatbesitz in den USA. Klar ist jedoch: Es gehörte einst dem jüdischen Kunstsammler Gustav Schweitzer, der vor den Nationalsozialisten aus Deutschland fliehen musste.
Es wäre ein Akt der Gerechtigkeit für meine Grosseltern, wenn wir die Sammlung wieder zusammenführen könnten.
In Kalifornien lebt heute noch ein Enkel von Gustav Schweitzer, Peter Schweitzer. Er äussert sich emotional zu den neuen Erkenntnissen: «Es ist für mich berührend, dass das Bild nun auftaucht. Es wäre ein Akt der Gerechtigkeit für meine Grosseltern, wenn wir mehr über die Sammlung erfahren und sie wieder zusammenführen könnten.»
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Bild 1 von 2. Für Peter Schweitzer wäre es ein Akt der Gerechtigkeit für seine Grosseltern, wenn er die Sammlung wieder zusammenführen könnte. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 2. Der jüdische Kunstsammler Gustav Schweitzer musste vor den Nazis aus Deutschland flüchten. Bildquelle: Hessisches Staatsarchiv Darmstadt.
Es ist bereits das zweite Mal, dass ein Bild aus der historischen Sammlung der jüdischen Familie in der Schweiz auftaucht. Erst 2024 wurde bekannt, dass ein Porträt von Vincent van Gogh, einst ebenfalls Gustav Schweitzer gehörte. Es ist Teil der umstrittenen Zürcher Bührle-Sammlung, die wegen Verdachts auf NS-Raubkunst in der Kritik steht.
Kritik an der Provenienzforschung der Fondation Beyeler
Die Familie Schweitzer hat Willi Korte mit der Aufarbeitung der Fluchtgeschichte beauftragt. Laut dem Kunstdetektiv sei es vergleichsweise einfach, die problematische Geschichte des Cézanne-Werks zu ermitteln. Korte kritisiert scharf, dass solche Abklärungen, die gemäss internationalen Vereinbarungen eigentlich Pflicht sind, offenbar nicht ausreichend vorgenommen wurden.
Es ist ein trauriges Beispiel für mangelnde Untersuchung eines Kunstwerks.
«Ich kann das nur als Versagen, Schlampigkeit, Unfähigkeit oder wie immer Sie es nennen wollen, bezeichnen», so Korte. «Es ist ein trauriges Beispiel für mangelnde Untersuchung der Werke. Schliesslich ist die Fondation Beyeler kein Provinzmuseum.»
Fondation Beyeler weist Vorwürfe zurück, will aber informieren
Die Fondation Beyeler erklärt in einer schriftlichen Stellungnahme, dass «auch im vorliegenden Fall entsprechende Abklärungen vorgenommen wurden». Zum Zeitpunkt der Aufnahme des Werks hätten keine Erkenntnisse vorgelegen, die einen Verdacht auf Flucht- oder Raubkunst erbracht hätten.
Zum Zeitpunkt der Aufnahme des Werks lagen uns keine Erkenntnisse vor, die einen Verdacht auf Flucht- oder Raubkunst erbracht hätten.
Das Museum betont, dass es ausgeschlossen sei, das Werk länger zu behalten, da dies die Leihverträge untersagten. Allerdings will die Fondation den Leihgeber über den Verdacht informieren.
Die Ausstellung endet am Pfingstmontag. Was danach mit dem Cézanne-Aquarell geschieht, bleibt vorerst offen.