Alternde Stimmbevölkerung: Die Hälfte aller Personen, die an Abstimmungen teilnehmen, ist 60 Jahre alt oder älter. Das zeigen neue Berechnungen der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse. Seit dem Jahr 2000 ist damit das Medianalter der abstimmenden Bevölkerung um sieben Jahre gestiegen. Entsprechend würden in Abstimmungen zunehmend jene Menschen entscheiden, die kurz vor der Pensionierung stehen oder bereits in Rente sind.
Das sind die Gründe: Grund für diese Entwicklung ist einerseits die alternde Bevölkerung insgesamt und andererseits der Umstand, dass ältere Menschen deutlich häufiger abstimmen als jüngere. Zwar haben schon früher jüngere weniger oft abgestimmt als ältere. Mit der alternden Bevölkerung verstärke sich dieser Effekt jedoch, sagt Lukas Rühli von Avenir Suisse.
So oft werden Junge überstimmt: Jüngere stimmen zwar nicht bei allen Abstimmungen anders ab als Ältere, bei einem beträchtlichen Teil jedoch schon. «Untersuchungen zeigen, dass es in den letzten 40 Jahren bei über einem Viertel der Abstimmungen bei den Jungen zwischen 18 und 30 Jahren andere Mehrheiten gab als bei den über 65-Jährigen», so Lukas Rühli von Avenir Suisse. Und die Differenz im Abstimmungsverhalten sei in letzter Zeit eher noch grösser geworden.
Ältere sind konservativer: Ältere stimmten tendenziell für mehr Renten, mehr Gesundheitsausgaben, aber auch eher für ein höheres Rentenalter, denn davon seien sie ja nicht mehr betroffen, so Lukas Rühli: «Dafür stimmen sie tendenziell gegen Leistungen für Arbeitnehmende, wie Ferienzeit, Mutterschaftsurlaub oder die Subvention von Kitas.» Zudem stimmten Ältere in gesellschaftspolitischen Fragen konservativer und seien Klima- und Umweltanliegen weniger zugeneigt.
Das sagen die Jungen: Den Dachverband Schweizer Jugendparlamente besorgt diese Entwicklung. Co-Geschäftsführerin Aline Incici sagt, es sei schon lange ein Problem, dass Junge bei Abstimmungen unterrepräsentiert seien, nun verschärfe es sich: «Aus unserer Sicht fehlen die Rahmenbedingungen für mehr politische Partizipation von jungen Menschen an Abstimmungen.» Es brauche mehr politische Bildung: «Unser Schweizer Jugend- und Demokratiemonitor 2025 zeigt, dass nur 40 Prozent der Jugendlichen die politische Bildung als genügend beurteilt.» Eine weitere Hürde sei die Komplexität der Themen.
Griffige Massnahmen schwierig: Mehr politische Bildung sei eigentlich die einzige unbestrittene Massnahme gegen die Problematik, sagt Lukas Rühli von Avenir Suisse: «Damit können aber auch keine Wunder bewirkt werden. Wenn wir die Stimmbeteiligung bei den Jungen von 30 auf 40 Prozent erhöhen – und das wäre schon eine ziemliche Mammutaufgabe –, würden wir das Medianalter der Abstimmenden trotzdem nur um gut ein Jahr senken.» Weitere umstrittenere mögliche Massnahmen, wie die Senkung des Stimmrechtsalters auf 16 Jahre oder das Ausländerstimmrecht, würden ebenfalls nur wenig am Medianalter der Abstimmenden ändern.