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Die Schweiz und Italien «Das eigentliche Problem ist Crans-Montana»

Die Schweiz und Italien pflegen enge nachbarschaftliche Beziehungen, die in den vergangenen Jahren sehr gut waren. Anfang Jahr sind aber innert kurzer Zeit zwei Themen aufgekommen, welche die Beziehung belasten: In Italien gibt es grossen Unmut über die Art und Weise der Ermittlungen nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana. Und neue Steuerregeln in Italien könnten Schweizer Maschinenbauer schon bald deutlich schlechter stellen als die Konkurrenz aus der EU.

Der Historiker und italienische Parlamentsabgeordnete Toni Ricciardi lebt in Genf und sagt: Crans-Montana ist noch lange nicht verarbeitet, aber Polemik sei fehl am Platz.

Toni Ricciardi

Historiker, Mitglied des italienischen Parlaments

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Toni Ricciardi forscht an der Universität Genf zu Fragen der italienischen Migrations- und Sozialgeschichte. Er sitzt für den oppositionellen Partito Democratico im italienischen Parlament.

SRF News: Die Beziehungen zwischen der Schweiz und Italien waren in der Vergangenheit immer sehr gut. Jetzt gibt es plötzlich Probleme: Was hat sich verändert?

Toni Ricciardi: Crans-Montana hat etwas verändert, auch wegen des politischen Klimas in Italien. Es ist klar, dass es eine Übertreibung von Seiten Roms gibt, aber gleichzeitig gibt es grobe Fehler von Seiten der Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis.

Wäre der Austausch mit einer weniger populistischen, einer Mitte-Links-Regierung anders?

Das weiss ich nicht. Wir sollten bedenken, dass dies keine Geschichte ist, die rasch enden wird. Das wird eine Geschichte sein, die über Jahre hinweg das Leben der Menschen prägen wird und im Leid der Familien weiterleben wird. Der Antrag Italiens für ein gemeinsames Ermittlungsteam ist keine Infragestellung der Schweizer Souveränität. Es ist einfach eine Aufforderung zur Kooperation, zur Zusammenarbeit.

Wie sehen sie die aktuellen Diskussionen um die Untersuchungen in der Schweiz?

Wir sind da noch in der Ermittlungsphase. Aber was ich in der Schweizer Presse lese, bereitet mir und der gesamten italienischen Öffentlichkeit einige Sorgen. Die Frage, die ich mir immer stelle, ist: Warum ist der Gemeindepräsident von Crans-Montana immer noch im Amt? Ich denke, diese Frage stellen sich auch die Schweizerinnen und Schweizer.

Es gibt noch andere schwierige Dossiers: Neue Steuerregeln würden Schweizer Maschinenbauer benachteiligen. Italien nimmt schon länger keine Dublin-Flüchtlinge zurück. Geraten die Beziehungen gerade in eine Krise?

Das sind Ereignisse, die vor der Crans-Montana-Affäre ihren Anfang genommen hatten. In der Steuerfrage arbeite ich selbst daran, dass auch die Schweiz von den neuen Steuernachlässen profitieren kann. Aber die Steuern und die Migration haben nichts zu tun mit Crans-Montana.

Dennoch belasten diese Dossiers das lange Zeit gute Verhältnis. Was wäre die Folge, wenn die Beziehung zwischen der Schweiz und Italien ernsthaft Schaden nimmt?

Ich schliesse das aus. Italien braucht die Schweiz und die Schweiz braucht Italien. Wir müssen also alle in die gleiche Richtung arbeiten und auf Polemik verzichten. Wir sind wie zwei Freunde: Dem Freund muss man die Dinge klar sagen, so wie man sie denkt. Und dann versuchen, sie zu lösen.

Das heisst, Sie sind optimistisch?

Ich bin positiv ja, sehr positiv. Das eigentliche Problem ist die Crans-Montana-Affäre.

Das Gespräch führte Iwan Santoro.

SRF 4 News, 23.1.2026, 23:30 Uhr ; 

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