Auch in der Schweiz werden zunehmend Drohnen über kritischen Infrastrukturen gesichtet. Wie bedrohlich ist das? Die renommierte deutsche Drohnenexpertin ordnet ein.
SRF: Wie stark beunruhigen Sie die zunehmenden Drohnensichtungen über kritischen Infrastrukturen?
Ulrike Franke: Sie beunruhigen mich schon. Auch wenn wir davon ausgehen, dass ein signifikanter Teil davon Privatdrohnen sind. Oder Fehlsichtungen – ein Plastiksack oder ein Vogel in der Luft, der mit einer Drohne verwechselt wird, gibt es immer wieder. Aber gleichzeitig haben wir auch Indizien dafür, dass zunehmend Drohnen zu Spionagezwecken losgeschickt werden. Der Fokus liegt auf Russland, auch weil die Zahlen der Drohnensichtungen seit Beginn des Ukrainekriegs stark zugenommen haben.
Der Schweizer Armeechef sprach von einer Sichtung von Drohnen «in Formation». Weist das auf eine geheimdienstliche Aktion hin?
Ulrike Franke: Ja, es ist zumindest ein Indiz dafür, dass es sich eher nicht um eine Privatdrohne handelt. Weitere Indizien sind: Was für Drohnen sind es? Eher kleinere Drehflügler oder grössere Starrflügler? Starrflügler, die aussehen wie kleine Segelflugzeuge, erfordern mehr Flugerfahrung. Weiter: Wie verhalten sich die Drohnen? Systematisches Abfliegen einer Gegend deutet eher auf eine gezielte Aktion hin. Dann: Wann fliegen die Drohnen? Ein Flug in der Nacht ist unwahrscheinlich für einen Hobbypiloten. All diese Indizien bilden dann ein grösseres Bild.
Wie gut eignen sich Drohnen überhaupt für Spionageaktionen?
Eine Drohne kann Videoaufnahmen eines Ortes machen, das ist das Naheliegendste. Allerdings gibt es heute von vielen kritischen Infrastrukturen bereits gut aufgelöste Satellitenbilder. Der Mehrwert einer Drohne liegt bei spezifischeren Informationen, wie zum Beispiel: Wo sind die Eingänge? Wie sind diese bewacht? Wann gibt es Wachablösungen?
Stand heute fällt es uns extrem schwer, etwas gegen die Drohnenflüge zu tun.
Aber eine Drohne kann auch andere Daten sammeln. In Deutschland etwa hatten wir den Fall, dass Drohnen über eine militärische Einrichtung flogen, in der gerade ukrainische Soldaten an einem Luftabwehrsystem ausgebildet wurden. Wir vermuten, dass die Drohnen aus Russland kamen und gezielt ukrainische Handynummern zu orten versuchten. Und zwar mit dem Ziel, die ukrainischen Soldaten zwei Monate später über ihre Handynummern an der Front wiederzufinden und mit ihnen die genauen Standorte der Luftabwehrraketen. Grundsätzlich gilt: Eine Drohne kann mit jeglicher geheimdienstlicher Software ausgestattet sein. Aber auch ganz ohne Equipment können Drohnen eine wichtige Information sammeln.
Welche genau?
Die Information unserer Reaktionsfähigkeit. Also, was tun wir, wenn eine Drohne über unsere Infrastrukturen fliegt? Entdecken wir sie überhaupt? Haben wir Mittel, sie abzuwehren? Für diese wertvollen Informationen braucht es nur die billigste Drohne.
Aber geht ein staatlicher Akteur nicht auch ein grosses Risiko ein, erwischt zu werden, wenn er Drohnen losschickt?
Leider nein. Stand heute fällt es uns extrem schwer, etwas gegen die Drohnenflüge zu tun. Wir haben noch nie eine Drohne erfolgreich vom Himmel geholt, geschweige denn den Drohnenpiloten ausfindig gemacht. Es fehlt uns an den dringend benötigten Abwehrmitteln. So gehen gegnerische Akteure kaum ein Risiko ein: Sie kommen mit ihren Drohnen, lassen diese fliegen und verschwinden wieder. Und sogar, wenn sie damit gar keine Informationen gesammelt hätten, hätten sie doch ein Ziel erreicht: Verunsicherung in der Bevölkerung gestiftet.
Das Gespräch führte Eliane Leiser.